Journal

Die Vergänglichkeit im Blick

Filmtipp: „Augenblicke. Gesichter einer Reise“

Sie: eine kleine, schrullige alte Dame mit rot-weißen Haaren und bunten Blümchenblusen. Er: ein drahtiger junger Mann, immer mit Sonnenbrille und Hut unterwegs. Zwei Menschen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Die zusammen auf die Reise gehen. Und dabei unvergessliche und dennoch vergängliche Bilder schaffen.

Die schrullige alte Dame ist eine der Ikonen der Filmgeschichte. Agnès Varda – in Belgien geborene Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin – ist vor kurzem 90 Jahre alt geworden und hat nun nochmal ein grandioses Werk geschaffen, das mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde.  Zusammen mit dem in Frankreich bekannten 35-jährige Fotokünstler JR (Jean René) ist sie für die Dokumentation „Augenblicke. Gesichter einer Reise“ durch Frankreich gereist. Ihre Motivation: die Leidenschaft für Fotografie und für besondere Orte. Ihr Fortbewegungsmittel: ein Lieferwagen, der aussieht wie eine große Kamera und den JR als mobilen Sofortbildautomaten nutzt.

Die beiden machen sich auf die Reise quer durch Frankreich. Keine geradlinige Reise. Sie lassen sich treiben. So wie sie es sonst auch tun. Jeder für sich. Doch nun entdecken sie zusammen die Schönheit des Moments, Überraschendes im Alltäglichen, das Große im Kleinen. Sie fahren aufs Land, zu Bauern, Viehwirtinnen, ehemaligen Bergarbeitern, Frauen von Hafenarbeitern. Sie sprechen mit ihnen über die Herausforderungen der Landwirtschaft, über vergangene Zeiten, über Gewerkschaftskämpfe ebenso wie über Liebesgeschichten. Aus diesen Geschichten zaubern sie Kunst. JR fotografiert die Frauen, Männer und Kinder, denen sie begegnen, und druckt die Bilder in seinem mobilen Fotostudio größer als lebensgroß aus. Mit den riesigen Fotos beklebt er Häuserwände, Schiffscontainer, Baracken, Züge und noch so einiges, was sich bekleben lässt von jemandem, der schwindelfrei ist.

So lernen wir den besonderen Briefträger von Pirou-Plage kennen. Er verteilt weit mehr aus als nur Briefe. Immer wieder erledigt er Botengänge und bringt den älteren Damen auf dem Land Essen nach Hause. Für Varda hat er ein farbenfrohes Bild gemalt, das einen großen Briefträger und eine kleine Dame zeigt. Früher habe er von den Bauern Melonen und Tomaten geschenkt bekommen. Alle seien sehr großzügig gewesen. Nun hängt ein meterhohes Foto des Briefträgers an einer Hausfassade. Böse würde er auf dem Bild aussehen, findet er. Und freut sich dennoch über die besondere Ehrung.

Agnès Varda und JR spüren alte Freunde und Begleiter auf, machen neue Bekanntschaften und verbinden Menschen und Geschichten. Immer wieder blickt Varda, die mittlerweile nicht mehr gut sieht und Schwierigkeiten mit dem Laufen hat, zurück in ihre aufregende Filmvergangenheit. „JR erfüllt mir meinen größten Wunsch“, sagt sie. „Er fotografiert die Gesichter der Menschen, denen ich begegne, damit ich sie nie vergesse.“ Die Reise – ein Versuch, Begegnungen zu bewahren, während sie schon vergehen.

Ein besonderes Projekt ist ein tonnenschwerer Weltkriegsbunker, den der Sturm von den Klippen der Normandie an den Strand gekippt hat. Ein Kunstwerk für sich. Skurril. Wie ein Fremdkörper, den die Natur in sich aufgenommen hat. JR sagt, er habe schon lange nach einem geeigneten Bild für den Bunker gesucht. Nun hilft ihm Varda dabei. Zusammen gehen sie alte Fotos durch. Bis sie sich für ein Portrait entscheiden, das Vardas verstorbener Freund Guy Bourdin zeigt, einen Modefotografen, der ganz in der Nähe lebte. Perfekt passt das Bild des sitzenden Bourdin auf die zum Meer gerichtete Seite des Betonklotzes. Welch eine Ehrung eines längst verstorbenen Freundes. Varda ist gerührt. Doch das Kunstwerk überdauert die Zeit nicht. Schon am nächsten Tag hat das rauhe Meer das Bild weggespült. Als wäre es nie dagewesen. „Das Meer behält immer Recht“, sagt Varda. Ihre Stimme trägt eine tiefe Trauer und das Wissen um die Vergänglichkeit.

Immer wieder erinnert sich Varda an ihren Freund und Kollegen Jean-Luc Godard. Sie vergleicht ihren Begleiter JR häufig mit dem jungen Godard. In Anlehnung an dessen Film „Bande à part“ saust sie – selbst im Rollstuhl sitzend – mit JR durch den Pariser Louvre. Nun möchte sie JR und sich ein Geschenk machen und ihren Freund Godard besuchen. Doch dieser ist wider Erwarten nicht anzutreffen. Nur eine Nachricht hat er Varda hinterlassen. Eine Anlehnung an vergangene Zeiten. Varda wird von ihren Gefühlen überwältigt. JR nimmt sie in den Arm. „Ich wollte, dass du ihn kennenlernst. Und er dich“, sagt sie. „Aber ich kenne dich. Und das zählt.“


Warum ich den Film liebe: Weil er anrührt. Weil er bewegt. Und vor allem, weil er Menschen eine Stimme und ein Gesicht verleiht, die sonst nicht „groß rauskommen“. Ein Meisterwerk, das jede Auszeichnung verdient!

Der Platz zwischen uns

Über ein ganz besonderes Schreibseminar im Herzen Frankreichs

Ein Schreibseminar sei es eigentlich gar nicht, dieses Schreibseminar. Aber was es eigentlich sei, könne sie gar nicht genau sagen. Es sei anders. Überraschend anders.

Amy Hollowell – franko-amerikanische Journalistin, Autorin und Lyrikerin – sollte ursprünglich gar nicht hier sein, hier in Dechen Chöling, einem abgelegenen Shambhala-Meditationszentrum in der Nähe von Limoges. Ein Seminar mit dem Titel „Fearless Creativitiy“ war angekündigt. Vier Tage meditieren und schreiben im Wechsel – ohne Angst, Hektik, Erwartungsdruck. Susan Piver, amerikanische Bestsellerautorin und Meditationslehrerin, sollte es anleiten. Doch Susan brach sich den Fuß und konnte nicht reisen. So bekam Amy einen Anruf, als sie gerade mit ihrem Mann den gemeinsamen Sohn in Ecuador besuchte. Ob sie kurzfristig einspringen könne. In einer Woche würde ein Seminar in Frankreich stattfinden, sie hätte doch schon zahlreiche Schreibseminare gegeben. Sie zögerte, erzählt sie, zu spontan sei das Ganze gewesen. Und dann entschied sie sich doch dafür.

Ob durch Schicksal, Glück oder Zufall zusammengeführt: Nun sitzen wir hier in einem großen Meditationssaal in einem französischen Steinhaus, das von wildwachsenden Büschen und Blumenbeeten umgeben ist. 14 Frauen und Männer aus den USA, Ecuador, Frankreich, Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt sitzen im Kreis auf dunkelblauen Meditationskissen. Die Decken des Raumes sind hoch, die Wände hell und rauh, in der Mitte des Raumes hängt ein Portrait von Sakyong Mipham Rinpoche, dem spirituellen Lehrer. Der Boden ist bedeckt mit Tüddel: Stiften, Notizbüchern, Schals, Postkarten und Büchern von englischen Literaten oder den Koryphäen des Haiku-Schreibens. Vier Tage liegen hinter uns. Vier Tage, die so voll, so intensiv, so emotional waren, wie man es sich kaum vorstellen kann. Wir lassen die Zeit nochmal Revue passieren.

Um 7 Uhr beginnt jeder Tag mit einer Morgenmeditation. Nicht nach Shambhala-Tradition. Amy ist Zen-Lehrerin. Aber das nimmt sich nicht viel. Die Gehmeditation ist langsam, sehr langsam. Dafür ist die Stille die Gleiche. Und das Selbst, von dem wir uns lösen sollen. Auf die Meditation folgen Schreibübungen. Erst kurze. Einfache. Die uns an die Hand nehmen und in die Welt des Herzens und des Schreibens führen. Alles auf Englisch. Die erste Übung: Wir sollen den Satz „For me, writing is…“ vervollständigen. Immer wieder. Dabei entstehen kleine gedichtähnliche Kunstwerke aus Worten. Nach jeder Übung lesen wir unsere Werke vor. Ein Satz bleibt hängen: „For me, writing is the place where we meet.” Ich bin berührt. Genau das ist es! Ja, da liegt’s, würde Hamlet sagen. „The place, where we meet.” Das Geschriebene lässt uns einander näherkommen, einander berühren, einander verstehen.

Welche tiefe Wahrheit in diesem Satz liegt, soll uns bald bewusstwerden. Schon nach wenigen Stunden fühlen wir uns als eine Einheit, verbunden, vertraut. Neben den sehr persönlichen Texten ist dafür vor allem eines entscheidend: Wir bewerten nicht. Weder unsere eigenen Texte noch die der anderen. Und kommentieren auch nicht. Eine Person liest vor, die anderen schweigen. Ungewohnt für mich als Journalistin. Bin ich doch gewohnt, dass Texte in der Luft zerrissen werden. Auf einmal ist da nur Stille. Dafür werden im Kopf die Fragen lauter: Was denken die anderen? War das gut genug? Oder zu persönlich? Darf man das so sagen?

Wir nehmen die Zweifel an und schreiben weiter. Eine Übung folgt auf die andere. Die Texte werden länger, komplexer. Wir schreiben Gedichte und Portraits, versuchen uns an Haikus und verfassen zwischendurch Tagebucheinträge. Draußen prasselt meist der lauwarme Frühsommerregen auf die Blätter der Pflanzen. Die Vögel zwitschern laut. Manchmal ertönt ein Gong. Die Zeit verfliegt. Die Stifte fliegen übers Papier. An eine Regel erinnert uns Amy immer wieder: Der Stift darf nie ruhen. Wir schreiben das auf, was kommt. Nicht, was wir für schön oder gut halten. Es sei als würden wir den Geist schütteln und aufschreiben, was rausfällt, sagt Amy. Alles ist wichtig. Eine Lehre des Zen.

Bei jedem Vorlesen lernen wir mehr und mehr voneinander. „Ich habe das Gefühl, völlig verletzbar zu sein“, sagt eine der Teilnehmerinnen am Abend bei einer Abschlussrunde. So geht es mir auch. Nicht nur der Duft der Räucherstäbchen, auch die Emotionen erfüllen den Raum. So ist das wohl, wenn man mit dem Herzen schreibt, denke ich mir. Bis 21 Uhr schreiben, lesen und meditieren wir. Die Tage sind lang. Gegen 22 Uhr fallen wir müde ins Bett. Diejenigen, die sich Zimmer teilen, erzählen sich noch kleine Geschichten oder lesen sich etwas vor. Es ist wie mit 16 in der Jugendherberge. Nur schöner. Erwachsener eben.

Nun sitzen wir wieder zusammen. Ein letztes Mal. Wir sind wehmütig. Nie wieder werden wir zusammen in diesem Raum sitzen und meditieren. Das Hier und Jetzt leben. Darum geht es im Zen. In diesem Moment gelingt uns das nicht ganz. Zu schwer fällt es, diesen Ort der Ruhe und die neu gewonnenen Freunde wieder verlassen zu müssen. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, denke ich mir. Das seien die vier bewegendsten Tage ihres Lebens gewesen, sagt eine Psychologin, die an dem Kurs teilnimmt. Ein paar von uns haben Tränen in den Augen. Eigentlich wollte sie gar nicht kommen, erzählt Amy. Zu stressig. Doch nun sei sie unendlich dankbar. So viel sei die letzten Tage passiert. „Das war nicht nur ein Schreibseminar“, sagt sie. Es war so viel mehr.

Auch ich bin gerührt. Und blättere noch einmal durch mein vollgeschriebenes Notizbuch. Ich habe wieder begonnen zu schreiben. Und das auf Englisch. Was hatte ich für Zweifel. Jetzt bin unbeschreiblich dankbar. Ich habe erfahren dürfen, welche Kraft in Worten steckt. Dass durch sie Menschen zu Freunden werden können. Dass man mit dem Herzen statt mit dem Kopf schreiben kann. Dass die Worte einen Platz schaffen für Vertrautheit und Verbindung. Dass genau dieser Ort mein Zuhause ist.


To study the way is to study the self
To study the self is to forget the self
To forget the self is to be enlightened by the 10,000 things.

(Dogen)

 

 

 

Skaten in der Surrealität

„Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht“, hat schon Friedrich Nietzsche gesagt. Und hatte Recht. Die Welt braucht Verrücktheit. Sie braucht Menschen, die den Mut haben, Sie selbst zu sein und Neues zu erfinden. Und weil man sich als Fotografin und Journalistin über jeden Wahnsinn freut, war ich sehr dankbar, als ich an einem Ort der Verrücktheit fotografieren durfte. An einem heißen Sommertag zog es mich nach Odonien, einen surrealen Skulpturenpark mitten in Köln. Der Künstler Odo Rumpf hat hier aus alten Autos, Schaufensterpuppen und allerlei Gedöns eine eigene verrückte oder entrückte Welt geschaffen, die als Schauplatz dient für wilde Elektroparties, Konzerte und allerlei Events wie das Surf and Skate Festival.

Weitere Bilder folgen…

Das Meer ruft

Neulich musste ich einfach mal raus. Ans Meer. Den Kopf frei bekommen, wie man so schön sagt. Die Gedanken etwas entknoten. Also fuhr ich mit einer guten Freundin in die Niederlande. Und wo wir so in Scheveningen bei Den Haag am Pier standen und aufs Meer schauten, fiel mir eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit gelesen hatte. Eine dieser Wandergeschichten, die sich immer weitertragen, weil sie so schön und so wahr sind. Hier kommt sie:

Eine kleine Geschichte vom Fischer

Ein Investmentbanker stand in einem kleinen mexikanischen Fischerdorf am Pier und beobachtete, wie ein kleines Fischerboot mit einem Fischer an Bord anlegte.

Er hatte einige riesige Thunfische geladen. Der Banker gratulierte dem Mexikaner zu seinem prächtigen Fang und fragte, wie lange er dazu gebraucht hatte.

Der Mexikaner antwortete: Ein paar Stunden nur. Nicht lange.

Daraufhin fragte der Banker, warum er denn nicht länger auf See geblieben ist, um noch mehr zu fangen.

Der Mexikaner sagte, die Fische reichen ihm, um seine Familie die nächsten Tage zu versorgen. Der Banker wiederum fragte: Aber was tun Sie denn mit dem Rest des Tages?

Der mexikanische Fischer erklärte: Ich schlafe morgens aus, gehe ein bißchen fischen, spiele mit meinen Kindern, mache mit meiner Frau Maria nach dem Mittagessen eine Siesta, gehe ins Dorf spazieren, trinke dort ein Gläschen Wein und spiele Gitarre mit meinen Freunden. Sie sehen, ich habe ein ausgefülltes Leben.

Der Banker erklärte: Ich bin ein Harvard-Absolvent und könnte Ihnen ein bisschen helfen. Sie sollten mehr Zeit mit Fischen verbringen und mit dem Erlös ein größeres Boot kaufen. Mit dem Erlös hiervon wiederum könnten Sie mehrere Boote kaufen, bis Sie eine ganze Flotte haben. Statt den Fang an einen Händler zu verkaufen, könnten Sie direkt an eine Fischfabrik verkaufen und schließlich eine eigene Fischverarbeitungsfabrik eröffnen. Sie könnten Produkte, Verarbeitung und Vertrieb selbst kontrollieren. Sie könnten dann dieses kleine Fischerdorf verlassen und nach Mexiko City oder Los Angeles und vielleicht sogar New York City umziehen, von wo aus Sie dann Ihr florierendes Unternehmen leiten.

Der Mexikaner fragte: Und wie lange wird dies alles dauern?

Der Banker antwortete: So etwa 15 bis 20 Jahre

Und was dann?

Der Banker lachte und sagte: Dann kommt das Beste. Wenn die Zeit reif ist, könnten Sie mit Ihrem Unternehmen an die Börse gehen, Ihre Unternehmensteile verkaufen und sehr reich werden. Sie könnten Millionen verdienen.

Millionen. Und dann?

Der Banker sagte: Dann könnten Sie aufhören zu arbeiten.
Sie könnten in ein kleines Fischerdorf an der Küste ziehen, morgens lange ausschlafen, ein bisschen fischen gehen, mit Ihren Kindern spielen, eine Siesta mit Ihrer Frau machen, in das Dorf spazieren, am Abend ein Gläschen Wein genießen und mit Ihren Freunden Gitarre spielen.

Quelle: https://www.festpark.de/folio/150-eine-kleine-geschichte-vom-fischer

Ein Tag im Tempel

Weltweit praktizieren über 27 Millionen Menschen die Sikh-Religion, auch Sikhismus genannt. Sie ist damit die fünftgrößte Weltreligion nach Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus. Die Mehrzahl der Sikh-Anhänger lebt in Indien. Aufgrund der hohen Anzahl indischer Einwanderer in Großbritannien, ist auch dort die Sikh-Gemeinde auffallend groß. Der erste Sikh-Tempel wurde hier 1911 errichtet, der letzten Volkszählung zufolge leben ca. 420.000 Anhängerinnen und Anhänger dieser Religion in England.

Da ich selbst während meines Studiums in London in einem indisch geprägten Stadtteil lebte, nutzte ich diesen Umstand, um mir die Sikh-Religion und -lebensweise näher anzuschauen. Über mehrere Ecken lernte ich Menschen kennen, die der Religion angehören. Überraschend fand ich mich in einem großen Sikh-Tempel wieder, in dem ich sehr herzlich und gastfreundlich empfangen wurde. Selten habe ich mich so anders und dennoch so wohl gefühlt. Ich danke allen, die mir gestattet haben, sie zu fotografieren und mir Einblick gewährt haben in diese friedliche Religion und ihre Gebetspraxis.

 

Terrys Teppich

Etwa 2 Meter mal 1 Meter 50. 1 Zentimeter dick. Keine Wände. Kein Dach. Keine Stühle, kein Tisch. Kein Herd. Kein Bett. Nur 2 Meter mal 1 Meter 50. 1 Zentimeter dick. „Dieser Teppich ist mein Zuhause“, sagte Terry. Ein Satz, den ich nie vergessen werde. Es war so offensichtlich. Terry, ein ehemaliger Soldat der britischen Armee, lebte auf der Straße im Londoner Stadtteil Vauxhall. Wir alle haben schon Menschen gesehen, die auf der Straße leben. Doch dieser Satz bewegte mich.

Bevor ich zum ersten Mal als Fotografin in ein Entwicklungsland reiste, gab mir ein sehr geschätzter und renommierter Journalistenkollege einen wertvollen Tipp: „Nimm ein Bettlaken mit.“ Natürlich ging es dabei auch um Hygiene. Der Kollege hatte viele Jahre in Indien gelebt. Doch es ging um weit mehr: Um Schutz des Selbst. Manchmal brauchen wir alle eine Grenze zwischen uns und der Welt da draußen. Umso mehr, wenn das „da draußen“ fremd scheint und bedrohlich wirkt.

Ich musste an den Kollegen denken, als ich mit Terry auf seinem Teppich saß. Der Teppich war dreckig. Wie das Pflaster in der U-Bahn-Unterführung, in der ich Terry kennenlernte. Terry saß hier selten allein. Oft gesellten sich andere Wohnungslose zu ihm. Einer spielte Geige. Er sprach fließend Deutsch. Er hatte in Köln Musik studiert. Nun lebte er in London. Mal hier, mal da. Das Leben hätte ihn dorthin gebracht, sagte er. Manchmal teilte Terry den Teppich mit einem jungen Mann, der heroinabhängig war. Er sah aus wie Pete Doherty, hatte feine Gesichtszüge, wirkte so, als würde die Rauheit der Metropole seine sensible Seele zerdrücken. Ich hätte ihm gern geholfen. Aber ich konnte nicht. „Freunde hat man auf der Straße nicht“, sagte Terry. „Nur Wegbegleiter.“ Das Leben auf der Straße sei zu rau für Freundschaften.

Ich verbrachte einige Tage mit Terry. Eines Morgens, ich war gerade auf dem Weg zur Uni, sah ich, wie Terry den Teppich zusammenrollte. Er war stark alkoholisiert und durcheinander. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe. Er sagte, ein Freund sei in der Nacht gestorben – an einer Überdosis. Terry wollte an diesem Morgen nicht mehr leben. Tagelang sah ich ihn nicht mehr. Doch dann, eines Tages, saß er wieder da. Auf seinem Teppich. Verkaufte Straßenzeitungen. Ich war erleichtert. Er war mir ein Freund geworden. Was würde ich dafür tun, mit ihm noch einmal auf dem Teppich zu sitzen. Dem dreckigen Teppich, der uns vor der Welt da draußen beschützt.

Eisige Aussichten

Ich liebe mein Bremen. Sechs Jahre war Bremen mein Zuhause. Immer wieder war ich im Ausland, hatte in anderen Städten Praktika  und Weiterbildungen absolviert. Aber immer kehrte ich in meine Hansestadt zurück. „Meine“ sage ich (zur Belustigung meiner Freunde). Meine, weil sie für immer einen Platz in meinem Herzen hat. Natürlich teile ich. Mit der ganzen Welt. Ich freue mich über jeden Bremenbesucher. Denn das ist Bremen: weltoffen. Eine Seefahrerstadt eben. Nicht sauber. Nicht ordentlich. Nicht reich. Aber liebenswert, offen, sozial, gemütlich. Nur eines mochte ich nie in Bremen: den Winter. Er war kalt und windig. Meist regnete es. Und zwar von allen Seiten, wie es sich im Norden gehört. Die feuchte Kälte zog durch jede noch so dicke Fleecejacke bis auf die Haut. So viel konnte man gar nicht warm baden und heißen Kakao trinken, dass diese Kälte vergessen war. Doch diesen einen Winter vor ein paar Jahren war es anders. Bremen war weiß. Die Deiche mit Schnee bedeckt, die Luft klirrend kalt. So schön hatte ich meine Stadt selten gesehen.