Dünne Haut und weise Seele

Hochsensibilität als Herausforderung und Chance

Du fühlst dich in großen Menschenmassen unwohl? Du spürst, wenn dein Gegenüber nicht aufrichtig ist? Du bist besonders geräusch- oder geruchsempfindlich? Deine Mitmenschen nennen dich „Sensibelchen“ oder finden dich kompliziert? Du leidest, wenn andere leiden? Dann könnte es sein, dass du hochsensibel bist.

Doch was bedeutet Hochsensibilität? Zunächst ist klarzustellen: Es handelt sich dabei nicht um eine psychische Störung und erst recht nicht um eine Krankheit. Experten bezeichnen das Phänomen als besondere Art der Reizverarbeitung, als Persönlichkeitsmerkmal. Betroffene nehmen Sinnesreize stärker wahr und verarbeiten diese tiefer als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron näherte sich in den 1990er Jahren erstmals dem Thema Hochsensibilität mittels Fragebögen. 1996 veröffentlichte sie ihre Forschungsergebnisse in dem Buch „The Highly Sensitive Person“ (Abkürzung: HSP, dt.: Die hochsensible Person). Das Fachbuch wurde in 70 Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk zu diesem Thema. Aron ist davon überzeugt, dass rund 20 Prozent der Menschheit empfindsamer sind als der Rest. Rund 30 Prozent seien davon extrovertiert, der Rest in der Regel eher introvertiert.

Positives Umfeld ist wichtig

Hochsensibilität ist zwar keine psychische Erkrankung, so Elaine Aron. Das bedeute jedoch nicht, dass hochsensible Menschen immer seelisch gesund seien. Die intensive Wahrnehmung der Außenwelt könne durchaus zu psychischen Belastungen oder sogar zu Erkrankungen führen. Während hochsensiblen Menschen ein positives Umfeld ungleich besser tue als anderen, schade ihnen ein negatives, kräftezehrendes Umfeld wesentlich mehr als anderen Menschen, so die Psychologin. So sei es nicht verwunderlich, dass die Energievorräte von überdurchschnittlich sensiblen Personen schneller aufgebraucht seien und sie sich schneller müde und überreizt fühlten.

Doch Hochsensibilität hat auch Vorteile. Hochsensible Menschen sind in der Regel nicht nur wacher und empathischer, sondern analysieren sich und ihre Umwelt sehr genau. Sie sind außerdem gut darin, vernetzt zu denken, kreativ zu arbeiten und neue Lösungsstrategien und Geschäftsfelder zu entdecken. Aron zufolge falle es vor allem Männern häufig schwer, zu Ihrer Sensibilität zu stehen. Dabei seien gerade die Fähigkeiten von Hochsensiblen in unserer Gesellschaft so dringend von Nöten, vor allem in Führungsposition.

Besonders oft seien Hochsensible in Medienberufen vertreten. Hier finde man laut Aron vermehrt die so genannten High-Sensation-Seekers: Menschen, die ständig nach Sensationen und Abenteuern suchen. Zwar seien Hochsensible nicht unbedingt risikofreudiger als der Durchschnitt der Bevölkerung, doch langweilten sie sich schneller, schauten Filme nicht gern zweimal und ärgerten sich eher über oberflächliche Gespräche. So balancieren sie ständig auf einem schmalen Grad zwischen Langeweile und Reizüberflutung.

Drei Arten der Hochsensibilität

Besondere Sensibilität kann sich sehr unterschiedlich äußern. Fachleute unterscheiden zwischen drei Formen: der sensorischen, der emotionalen und der kognitiven Hochsensibilität.

Sensorisch hochsensible Menschen besitzen eine besonders feine Sinneswahrnehmung, nehmen beispielsweise Töne, Gerüche und Geschmacksrichtungen besonders intensiv wahr. Diese Eigenschaft kann jedoch auch leicht zu Reizüberflutung führen.

Emotional hochsensible Menschen reagieren besonders auf Feinheiten im zwischenmenschlichen Bereich und verfügen über große Empathie. Sie sind häufig sehr mitfühlend, hilfsbereit und können aufmerksam zuhören. Oft reagieren sie stärker auf nonverbale Kommunikation als auf verbale. Ihr feines Einfühlungsvermögen kann aber auch mit sich bringen, dass sie die Stimmungen ihrer Mitmenschen ungefiltert aufnehmen und sich von diesen überfordert fühlen.

Kognitiv hochsensible Menschen können komplexe Zusammenhänge besonders gut erkennen und sind zu multiperspektivischem Denken fähig. Sie haben ein starkes Gefühl für Werte und für „Wahr oder Falsch“. Sie neigen zu Perfektionismus und geraten oft in Schwierigkeiten, wenn ihr komplexes Denken ihren Alltag – vor allem im Berufsleben – erschwert.

Viele Hochsensible fühlen sich erleichtert, wenn sie herausfinden, dass sie selbst auf einem oder mehreren dieser Gebiete intensiver empfinden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sich seiner eigenen Persönlichkeit bewusst zu werden und die Hochsensibilität zu benennen, hilft vielen dabei, Grenzen klarer zu setzen und ein gesünderes, glücklicheres Leben zu führen. So kann Hochsensibilität als Geschenk angenommen werden.

 

Weitere Infos findet ihr hier:

http://www.hochsensibel-test.de/
http://www.psychologie-heute.de/selbsttest

http://www.sueddeutsche.de/leben/hochsensibel-leben-ohne-filter-im-kopf-1.3768484
https://www.elephantjournal.com/2015/06/traits-of-an-empath-how-to-recognise-one/
https://www.zeit.de/community/2014-08/hochsensibel-empfindsam-erfahrung

Parlow, Georg (2015): Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. 4. Auflage. Festland Verlag.

Rohleder, Luca (2017): Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch. 4. Auflage. Dielus Edition.

Zwischen Fluch und Segen

Über das Geschenk der Hochsensibilität

Hochsensibel? Nee Quatsch, ich doch nicht! Auf die Idee, besonders sensibel zu sein, war ich 32 Jahre meines Lebens nicht gekommen. Als „herzlich pöbelig“ oder „forsch freundlich“ haben mich Freunde oft bezeichnet. Und ich mochte das. Und dachte, ich hätte mich damit gut arrangiert.

Bis ich eines Tages einen besonderen Menschen traf, der mir sagte: „Du lebst nicht dein Leben. Du solltest deine Sensibilität annehmen!“ Auch wenn mein Kopf sagte: „Nee nee, die Mauer um meine Seele bleibt schön da, wo sie ist“, wusste ich tief im Herzen, dass er Recht hat. Die Begegnung beschäftigte mich wochenlang. Genauer gesagt: Sie brachte mich völlig aus dem Konzept. Nur mit Mühe konnte ich in dieser Zeit meinem neuen Job als PR-Beraterin nachgehen. Unzählige Fragen und verwirrende Gefühle bohrten sich in mein Bewusstsein. Durch die Risse in meinem Verstand drang ein ungewohntes Licht.

Schön war das nicht. Viel mehr war es beängstigend, dem „Ich“ dabei zuzuschauen, wie es langsam bröckelt. Wie das, was war, nichts mehr hält. Mein Umfeld hatte mir schon lange Anzeichen gegeben. Kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit dem ganzen Zaun. Ich war schon lange krank. Ich hatte konsequent immer und immer wieder mein Bauchgefühl ignoriert. Hatte mehrfach Jobs angekommen, die nicht richtig für mich waren, die mir Magenschmerzen verursachten. War mit einem Menschen zusammengezogen, der meiner Seele nicht gut tat, weil er meine Grenzen nicht achtete. War Beziehungen und Freundschaften eingegangen, die mich meine letzten Kräfte kosteten…

Da stand ich also – mit der Erkenntnis, dass es so nicht weiter geht. Und ich hatte keinen blassen Schimmer, auf was ich mich noch verlassen konnte. Mein Ehrgeiz brachte mich nicht weiter. Meine Leidenschaft für bestimmte Themen auch nicht. Meine Liebe zu anderen Menschen ebenso wenig. Und erst recht nicht das, was ich als „Ich“ bezeichnete.

Ich könnte jetzt sagen: Ich habe mir Hilfe gesucht. Aber das war gar nicht der Fall. Die Hilfe kam zu mir, indem ein Freund mir ein Berufscoaching empfahl. Und wie das Schicksal so wollte, war die Coachin, die ich wiederum durch Zufall fand, auch hochsensibel, ebenso wie der erwähnte Mann, der mir das Wanken in meinem Leben so deutlich machte. Eine Sache ergab die andere: Auf das Coaching folgte ein Aufenthalt in einer Klinik für chinesische Medizin, es folgten Berufsberatungen, spirituelles Coaching und zahlreiche Erfahrungen mit Körpertherapie, Hypnosetherapie, Meditation, Tanzmeditation und vielen weiteren Erfahrungen im psychologischen, gesundheitswissenschaftlichen, spirituellen, körpertherapeutischen und sportlichen Bereich.

Ich begann, mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, und zwar mit allen. Auch mit denen, die ich verdrängt hatte wie Wut und Trauer. Ich wurde sensibler, was meine eigene Körper- und Gefühlswahrnehmung anging. Bestimmte Fragen tauchten dabei immer wieder auf: Wie und wann kann und darf ich Grenzen setzen? Welches Umfeld, welche Menschen tun mir gut? Wie finde ich den Job, der mich erfüllt und mich nicht überlastet? Bin ich wirklich anders, sensibler als andere und wie gehe ich damit um? Warum ziehe ich bestimmte Menschen an?

Auf manche dieser Fragen habe ich Antworten gefunden, andere arbeiten noch in mir. Ich habe gelernt, mich von bestimmten Menschen zu distanzieren, mich wiederum anderen gegenüber zu öffnen. Ich habe gelernt, ein Umfeld, das sich nicht gut anfühlt zu verlassen oder meine Bedürfnisse klarer zu kommunizieren. Und ich habe gelernt, dass sensibel zu sein und trotzdem ein offenes Herz zu haben, in unserer Gesellschaft nicht immer einfach ist. Ebenso habe ich aber auch wahrgenommen, dass diejenigen, die gelernt haben, auf dem Instrument ihrer Gefühle zu spielen, den Klang der Welt zum Positiven verändern können.

Und manchmal bin ich auch einfach gern forsch und pöbelig. Wie Harry Potters Freund Hagrid, der grantige Halbriese, der zwar beängstigend wirkt, aber doch ein treuer, gutmütiger Begleiter ist. Und das ist es doch was zählt, oder? Dass wir eine gute Seele haben und füreinander da sind. Ob hochsensibel oder nicht.

Der Regen, die Blume und ich

Vom achtsamen Fotografieren

Es gibt viele Gründe, warum ich das Fotografieren liebe. Doch ein Grund lässt mein Herz höher schlagen und mich immer wieder, auch nach längerer Fotoabstinenz, zur Kamera greifen: Es ist die Fähigkeit der Kamera, mich ins Hier und Jetzt zu ziehen. Wenn ich fotografiere, sehe ich, fühle ich, spüre ich das, was um mich herum passiert. Natürlich denke ich auch mal an das eine oder andere – daran, ob ich das Auto auch abgeschlossen habe oder wann ich die Steuererklärung wohl endlich abgebe. Aber diese Gedanken währen nur kurz. Größer ist der Sog in die Gegenwart, die so viel spannender ist. Und dabei ist gar nicht von Bedeutung, ob ich Menschen, Gebäude oder Blumen fotografiere. Was zählt, ist alles, was da ist. Schön oder hässlich, langweilig oder spektakulär. Von achtsamer Fotografie ist dabei oft die Rede. Dabei versucht man:

  • im Hier und Jetzt zu sein
  • das Objekt in Ruhe und mit Aufmerksamkeit zu betrachten
  • alle Sinne einzubeziehen
  • die eigenen Gefühle wahrzunehmen
  • nicht zu bewerten, weder das Objekt noch das entstandene Bild
  • mit dem Ergebnis zufrieden zu sein

Wer achtsam fotografieren möchte, dem kann ich empfehlen, das Fotografieren (wie auch das Leben) zunächst einmal zu entschleunigen. Zeit ist wie so oft im Leben der Nährboden für Schönes. Daraus ergibt sich vieles andere. Wer früher analog fotografiert hat, weiß vielleicht noch, wie es war, erst eine Beziehung zu seinem Objekt aufzubauen, sich Zeit zu lassen, die Situation zu erspüren. Die achtsame Fotografie ist quasi eine Rückbesinnung auf diese Art der Wahrnehmung. Und wie kann man besser entschleunigen und erspüren als in der Natur? Also los geht’s – auf in den Wald!


„Deep in their roots all flowers keep the light.“ 
(Theodore Roethke)

 

Die Vergänglichkeit im Blick

Filmtipp: „Augenblicke. Gesichter einer Reise“

Sie: eine kleine, schrullige alte Dame mit rot-weißen Haaren und bunten Blümchenblusen. Er: ein drahtiger junger Mann, immer mit Sonnenbrille und Hut unterwegs. Zwei Menschen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Die zusammen auf die Reise gehen. Und dabei unvergessliche und dennoch vergängliche Bilder schaffen.

Die schrullige alte Dame ist eine der Ikonen der Filmgeschichte. Agnès Varda – in Belgien geborene Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin – ist vor kurzem 90 Jahre alt geworden und hat nun nochmal ein grandioses Werk geschaffen, das mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde.  Zusammen mit dem in Frankreich bekannten 35-jährige Fotokünstler JR (Jean René) ist sie für die Dokumentation „Augenblicke. Gesichter einer Reise“ durch Frankreich gereist. Ihre Motivation: die Leidenschaft für Fotografie und für besondere Orte. Ihr Fortbewegungsmittel: ein Lieferwagen, der aussieht wie eine große Kamera und den JR als mobilen Sofortbildautomaten nutzt.

Die beiden machen sich auf die Reise quer durch Frankreich. Keine geradlinige Reise. Sie lassen sich treiben. So wie sie es sonst auch tun. Jeder für sich. Doch nun entdecken sie zusammen die Schönheit des Moments, Überraschendes im Alltäglichen, das Große im Kleinen. Sie fahren aufs Land, zu Bauern, Viehwirtinnen, ehemaligen Bergarbeitern, Frauen von Hafenarbeitern. Sie sprechen mit ihnen über die Herausforderungen der Landwirtschaft, über vergangene Zeiten, über Gewerkschaftskämpfe ebenso wie über Liebesgeschichten. Aus diesen Geschichten zaubern sie Kunst. JR fotografiert die Frauen, Männer und Kinder, denen sie begegnen, und druckt die Bilder in seinem mobilen Fotostudio größer als lebensgroß aus. Mit den riesigen Fotos beklebt er Häuserwände, Schiffscontainer, Baracken, Züge und noch so einiges, was sich bekleben lässt von jemandem, der schwindelfrei ist.

So lernen wir den besonderen Briefträger von Pirou-Plage kennen. Er verteilt weit mehr aus als nur Briefe. Immer wieder erledigt er Botengänge und bringt den älteren Damen auf dem Land Essen nach Hause. Für Varda hat er ein farbenfrohes Bild gemalt, das einen großen Briefträger und eine kleine Dame zeigt. Früher habe er von den Bauern Melonen und Tomaten geschenkt bekommen. Alle seien sehr großzügig gewesen. Nun hängt ein meterhohes Foto des Briefträgers an einer Hausfassade. Böse würde er auf dem Bild aussehen, findet er. Und freut sich dennoch über die besondere Ehrung.

Agnès Varda und JR spüren alte Freunde und Begleiter auf, machen neue Bekanntschaften und verbinden Menschen und Geschichten. Immer wieder blickt Varda, die mittlerweile nicht mehr gut sieht und Schwierigkeiten mit dem Laufen hat, zurück in ihre aufregende Filmvergangenheit. „JR erfüllt mir meinen größten Wunsch“, sagt sie. „Er fotografiert die Gesichter der Menschen, denen ich begegne, damit ich sie nie vergesse.“ Die Reise – ein Versuch, Begegnungen zu bewahren, während sie schon vergehen.

Ein besonderes Projekt ist ein tonnenschwerer Weltkriegsbunker, den der Sturm von den Klippen der Normandie an den Strand gekippt hat. Ein Kunstwerk für sich. Skurril. Wie ein Fremdkörper, den die Natur in sich aufgenommen hat. JR sagt, er habe schon lange nach einem geeigneten Bild für den Bunker gesucht. Nun hilft ihm Varda dabei. Zusammen gehen sie alte Fotos durch. Bis sie sich für ein Portrait entscheiden, das Vardas verstorbener Freund Guy Bourdin zeigt, einen Modefotografen, der ganz in der Nähe lebte. Perfekt passt das Bild des sitzenden Bourdin auf die zum Meer gerichtete Seite des Betonklotzes. Welch eine Ehrung eines längst verstorbenen Freundes. Varda ist gerührt. Doch das Kunstwerk überdauert die Zeit nicht. Schon am nächsten Tag hat das rauhe Meer das Bild weggespült. Als wäre es nie dagewesen. „Das Meer behält immer Recht“, sagt Varda. Ihre Stimme trägt eine tiefe Trauer und das Wissen um die Vergänglichkeit.

Immer wieder erinnert sich Varda an ihren Freund und Kollegen Jean-Luc Godard. Sie vergleicht ihren Begleiter JR häufig mit dem jungen Godard. In Anlehnung an dessen Film „Bande à part“ saust sie – selbst im Rollstuhl sitzend – mit JR durch den Pariser Louvre. Nun möchte sie JR und sich ein Geschenk machen und ihren Freund Godard besuchen. Doch dieser ist wider Erwarten nicht anzutreffen. Nur eine Nachricht hat er Varda hinterlassen. Eine Anlehnung an vergangene Zeiten. Varda wird von ihren Gefühlen überwältigt. JR nimmt sie in den Arm. „Ich wollte, dass du ihn kennenlernst. Und er dich“, sagt sie. „Aber ich kenne dich. Und das zählt.“


Warum ich den Film liebe: Weil er anrührt. Weil er bewegt. Und vor allem, weil er Menschen eine Stimme und ein Gesicht verleiht, die sonst nicht „groß rauskommen“. Ein Meisterwerk, das jede Auszeichnung verdient!

Der Platz zwischen uns

Über ein ganz besonderes Schreibseminar im Herzen Frankreichs

Ein Schreibseminar sei es eigentlich gar nicht, dieses Schreibseminar. Aber was es eigentlich sei, könne sie gar nicht genau sagen. Es sei anders. Überraschend anders.

Amy Hollowell – franko-amerikanische Journalistin, Autorin und Lyrikerin – sollte ursprünglich gar nicht hier sein, hier in Dechen Chöling, einem abgelegenen Shambhala-Meditationszentrum in der Nähe von Limoges. Ein Seminar mit dem Titel „Fearless Creativitiy“ war angekündigt. Vier Tage meditieren und schreiben im Wechsel – ohne Angst, Hektik, Erwartungsdruck. Susan Piver, amerikanische Bestsellerautorin und Meditationslehrerin, sollte es anleiten. Doch Susan brach sich den Fuß und konnte nicht reisen. So bekam Amy einen Anruf, als sie gerade mit ihrem Mann den gemeinsamen Sohn in Ecuador besuchte. Ob sie kurzfristig einspringen könne. In einer Woche würde ein Seminar in Frankreich stattfinden, sie hätte doch schon zahlreiche Schreibseminare gegeben. Sie zögerte, erzählt sie, zu spontan sei das Ganze gewesen. Und dann entschied sie sich doch dafür.

Ob durch Schicksal, Glück oder Zufall zusammengeführt: Nun sitzen wir hier in einem großen Meditationssaal in einem französischen Steinhaus, das von wildwachsenden Büschen und Blumenbeeten umgeben ist. 14 Frauen und Männer aus den USA, Ecuador, Frankreich, Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt sitzen im Kreis auf dunkelblauen Meditationskissen. Die Decken des Raumes sind hoch, die Wände hell und rauh, in der Mitte des Raumes hängt ein Portrait von Sakyong Mipham Rinpoche, dem spirituellen Lehrer. Der Boden ist bedeckt mit Tüddel: Stiften, Notizbüchern, Schals, Postkarten und Büchern von englischen Literaten oder den Koryphäen des Haiku-Schreibens. Vier Tage liegen hinter uns. Vier Tage, die so voll, so intensiv, so emotional waren, wie man es sich kaum vorstellen kann. Wir lassen die Zeit nochmal Revue passieren.

Um 7 Uhr beginnt jeder Tag mit einer Morgenmeditation. Nicht nach Shambhala-Tradition. Amy ist Zen-Lehrerin. Aber das nimmt sich nicht viel. Die Gehmeditation ist langsam, sehr langsam. Dafür ist die Stille die Gleiche. Und das Selbst, von dem wir uns lösen sollen. Auf die Meditation folgen Schreibübungen. Erst kurze. Einfache. Die uns an die Hand nehmen und in die Welt des Herzens und des Schreibens führen. Alles auf Englisch. Die erste Übung: Wir sollen den Satz „For me, writing is…“ vervollständigen. Immer wieder. Dabei entstehen kleine gedichtähnliche Kunstwerke aus Worten. Nach jeder Übung lesen wir unsere Werke vor. Ein Satz bleibt hängen: „For me, writing is the place where we meet.” Ich bin berührt. Genau das ist es! Ja, da liegt’s, würde Hamlet sagen. „The place, where we meet.” Das Geschriebene lässt uns einander näherkommen, einander berühren, einander verstehen.

Welche tiefe Wahrheit in diesem Satz liegt, soll uns bald bewusstwerden. Schon nach wenigen Stunden fühlen wir uns als eine Einheit, verbunden, vertraut. Neben den sehr persönlichen Texten ist dafür vor allem eines entscheidend: Wir bewerten nicht. Weder unsere eigenen Texte noch die der anderen. Und kommentieren auch nicht. Eine Person liest vor, die anderen schweigen. Ungewohnt für mich als Journalistin. Bin ich doch gewohnt, dass Texte in der Luft zerrissen werden. Auf einmal ist da nur Stille. Dafür werden im Kopf die Fragen lauter: Was denken die anderen? War das gut genug? Oder zu persönlich? Darf man das so sagen?

Wir nehmen die Zweifel an und schreiben weiter. Eine Übung folgt auf die andere. Die Texte werden länger, komplexer. Wir schreiben Gedichte und Portraits, versuchen uns an Haikus und verfassen zwischendurch Tagebucheinträge. Draußen prasselt meist der lauwarme Frühsommerregen auf die Blätter der Pflanzen. Die Vögel zwitschern laut. Manchmal ertönt ein Gong. Die Zeit verfliegt. Die Stifte fliegen übers Papier. An eine Regel erinnert uns Amy immer wieder: Der Stift darf nie ruhen. Wir schreiben das auf, was kommt. Nicht, was wir für schön oder gut halten. Es sei als würden wir den Geist schütteln und aufschreiben, was rausfällt, sagt Amy. Alles ist wichtig. Eine Lehre des Zen.

Bei jedem Vorlesen lernen wir mehr und mehr voneinander. „Ich habe das Gefühl, völlig verletzbar zu sein“, sagt eine der Teilnehmerinnen am Abend bei einer Abschlussrunde. So geht es mir auch. Nicht nur der Duft der Räucherstäbchen, auch die Emotionen erfüllen den Raum. So ist das wohl, wenn man mit dem Herzen schreibt, denke ich mir. Bis 21 Uhr schreiben, lesen und meditieren wir. Die Tage sind lang. Gegen 22 Uhr fallen wir müde ins Bett. Diejenigen, die sich Zimmer teilen, erzählen sich noch kleine Geschichten oder lesen sich etwas vor. Es ist wie mit 16 in der Jugendherberge. Nur schöner. Erwachsener eben.

Nun sitzen wir wieder zusammen. Ein letztes Mal. Wir sind wehmütig. Nie wieder werden wir zusammen in diesem Raum sitzen und meditieren. Das Hier und Jetzt leben. Darum geht es im Zen. In diesem Moment gelingt uns das nicht ganz. Zu schwer fällt es, diesen Ort der Ruhe und die neu gewonnenen Freunde wieder verlassen zu müssen. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, denke ich mir. Das seien die vier bewegendsten Tage ihres Lebens gewesen, sagt eine Psychologin, die an dem Kurs teilnimmt. Ein paar von uns haben Tränen in den Augen. Eigentlich wollte sie gar nicht kommen, erzählt Amy. Zu stressig. Doch nun sei sie unendlich dankbar. So viel sei die letzten Tage passiert. „Das war nicht nur ein Schreibseminar“, sagt sie. Es war so viel mehr.

Auch ich bin gerührt. Und blättere noch einmal durch mein vollgeschriebenes Notizbuch. Ich habe wieder begonnen zu schreiben. Und das auf Englisch. Was hatte ich für Zweifel. Jetzt bin unbeschreiblich dankbar. Ich habe erfahren dürfen, welche Kraft in Worten steckt. Dass durch sie Menschen zu Freunden werden können. Dass man mit dem Herzen statt mit dem Kopf schreiben kann. Dass die Worte einen Platz schaffen für Vertrautheit und Verbindung. Dass genau dieser Ort mein Zuhause ist.


To study the way is to study the self
To study the self is to forget the self
To forget the self is to be enlightened by the 10,000 things.

(Dogen)