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Spiritualität ist mehr als Chakren und Chichi

Neben mir liegt eine Liste mit ca. 25 Themen, über die ich auf diesem Blog schreiben möchte. Stetig kommen Themen dazu. Eine schöne Sache eigentlich. Doch jetzt stehe ich vor einem Problem: Ich bin zwar Fachjournalistin, d.h. ich bin es gewohnt, Fakten zu verarbeiten und Thesen mit ebendiesen zu belegen. Nun gibt es aber Themen, die sich mit wissenschaftlichen Daten, mit Studien oder Forschungsergebnissen nicht belegen lassen.

Dennoch sind diese Themen Teil unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Dazu gehört alles, was unter den Begriff „Spiritualität“ fällt. Spiritualität bedeutet im eigentlich Sinn „Geist“/“Geistigkeit“ (von mittellateinisch spiritualitas) oder „zur Luft/zum Atem gehörend“ (von lateinisch spiritualis). Gemeint ist eine „gelebte Verbindung zum Formlosen, Göttlichen, Transzendenten oder Unendlichkeit“ (Stangl, 2018) und kann auch eine Art Lebenspraxis darstellen.

Es geht auch ohne Chichi

Früher habe ich Spiritualität mit Esoterik gleichgesetzt – mit pendeln, Tarotkarten legen, Energiewasser trinken und mit Menschen, die markant nach Ökoprodukten riechen, Birkenstockschuhe tragen, immer alles wundervoll finden, täglich Bäume umarmen und alles über Chakren, Schamanismus und Energieblockaden wissen. Heute ist mir klar: Ohne Spiritualität funktioniert mein Leben nicht. Wohl aber ohne esoterisches Chichi. Ich besitze zwar Birkenstocks (weil ich diese mit 10 Jahren geschenkt bekommen und für praktisch befunden habe), versuche Plastikmüll zu vermeiden, beschäftige mich mit Energiemedizin, meditiere und bin gern im Wald, am Meer oder aufm Berg.

Auf der anderen Seite habe ich mich damals ganz bewusst für zwei solide Handwerksberufe entschieden (Fotografie ist unbestritten ein Handwerk, den Journalismus sehe ich selbst als Handwerk) , liebe wissenschaftliche Erkenntnisse und rede gern über das, was sich mit den gemeinen menschlichen Sinnen erfassen lässt.

Mehr zwischen Himmel und Erde

ABER ich habe auch über die Jahre festgestellt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als ich mit meinem Verstand erfassen kann. Dass es in meinem Leben wenig bis keine Zufälle gibt und dass ich vom Leben zwar nicht immer das bekomme, was ich mir erhoffe, aber immer das, was ich brauche.

Und eben diesen und ähnlichen Themen möchte ich Raum geben auf diesem Blog. Ich werde mich bemühen, immer klar und deutlich zu formulieren, wann es um wissenschaftliche Erkenntnisse geht und wann um ganz persönliche Erfahrungen. Mir ist es wichtig, hier viele Bereiche zu thematisieren und euch die Möglichkeit zu geben, das für euch zu verwerten, was sich richtig anfühlt.

Wie auch schon in anderen Beiträgen erwähnt, halte ich es für unabdingbar, in allen Lebensbereichen ein eigenes Gefühl von richtig und falsch bzw. von passend und unpassend zu entwickeln und die eigene Intuition so weit zu schulen, dass man selbst erkennen kann, was einen weiterbringt und welcher Weg der richtige ist – ob das Tarotkarten, Engelbücher, Meditationstechniken oder ein Abo der Spektrum der Wissenschaft ist.

In diesem Sinne: Folgt eurem Herzen – aber nehmt euren Verstand mit.

Photocredit: Erik Kossakowski/Unsplash

Quelle: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Spiritualität‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. http://lexikon.stangl.eu/16595/spiritualitaet/ (2018-10-19)

Läuft bei dir?

Das „Lebensrad“ zeigt dir, wo es im Leben hakt

Ich gebe zu, ich bin etwas einfach gestrickt. Ich muss Dinge visualisieren, sie aufmalen oder mir Notizen machen, um sie zu verstehen. Denken allein ist mir manchmal zu anstrengend. Wem das auch so geht, dem kann ich jetzt ein prima Werkzeug an die Hand geben, um ohne Gedankenverknoten zu ermitteln, in welchen Lebensbereichen es noch nicht rund läuft. Dieses sehr nützliche Coachingtool nennt sich „Wheel of life“ (Lebensrad).

So geht’s: Du malst einen großen Kreis auf und in diesen Kreis zeichnest du wie bei einem Kuchendiagramm einzelne Segmente mit Themen, die dir wichtig sind im Leben. Klassischerweise sind dies Gesundheit, Partnerschaft, Arbeit/Karriere, Freizeit, Freundschaften, Fitness, Finanzen und Selbstverwirklichung. Für viele Menschen mag auch Spiritualität ein großes Thema sein. Aber auch ganz andere Themen wie Reisen, Zeit zum Lesen, Beitrag zur Gesellschaft oder Lebensfreude können hier Platz finden.

In den großen Kreis werden einzelne, immer kleiner werdende Kreise gemalt, am besten so, dass es zehn Abstufungen von der Mitte bis zum Rand gibt. Hier findest du eine sehr gute Vorlage.

Nun malst du die einzelnen Stufen und Segmente so aus, wie sie deiner aktuellen Lebenslage entsprechen. Wenn du dich beispielsweise schon länger nicht ganz gesund fühlst, könntest du von der Mitte aus nur ein paar der Stufen des Segments „Gesundheit“ ausmalen. Wenn du in deiner Partnerschaft völlig erfüllt bist, kannst du das ganze Kuchenstück „Partnerschaft“ ausmalen. Hier findest du auch dazu ein Beispiel.

Wenn alles ausgefüllt ist, siehst du, wo das Lebensrad nicht ganz rund läuft bzw. wo Entwicklungsbedarf besteht. An diesem Punkt geht die eigentliche „Arbeit“ los. Wobei Arbeit zunächst erstmal nur Kopf- und Herzarbeit beschreibt. Dein persönliches ausgemaltes Rad kannst du nun nutzen, um in dich zu gehen und dich zu fragen, was in den einzelnen Bereichen zu deinem Glück fehlt. So kannst du dich zum Beispiel fragen, wie viel Geld du eigentlich wirklich zum Glücklichsein brauchst und wie du dich finanziell besser aufstellen kannst. Oder was deiner Beziehung gut tun würde. Wonach sehnst du dich? Möchtest du mal wieder Sport machen, dich gesünder ernähren oder geht es eigentlich so, wie es ist? Und was bedeuten dir Freundschaften? Wo kriselt es? Und welche Träume wolltest du schon immer verwirklichen?

Wichtig ist auch hier: Alles im Leben hat seinen Preis. Wenn du feststellst, dass du mit deiner Karriere eigentlich gar nicht glücklich bist und die Jobsituation gern optimieren möchtest, kannst du dich fragen: Für welchen Preis geschieht das? Welche der genannten Bereiche könnten unter einer Veränderung leiden? Kannst du damit leben?

Genauso ist das Rad eine gute Möglichkeit, dir dessen bewusst zu werden, was schon da ist, auch wenn es vielleicht nicht ganz perfekt ist. Aber das wichtigste ist: Es ist dein Rad, dein Leben und deine ganz eigene Freiheit, dieses Leben zu gestalten. ♥

Der Atem der Disziplin

Diejenigen, die schon mal meditiert haben (oder wie ich begeisterte Schwimmer sind), kennen das Problem: Da möchte man so gerne seine innere Mitte finden, einfach mal den Kopf abschalten und ganz im Hier und Jetzt ankommen.  Und dann das: Der kleine Affe im Kopf quasselt und quasselt. „Ich hätte heute netter zu der Kollegin sein müssen“, „Habe ich den Herd ausgemacht?“ „Mir ist langweilig“… brabbelt die Stimme im Kopf. Je stiller wir werden, desto lauter werden meist die Gedanken. Und was tun wir, wenn das Gedankenkreisen nicht aufhört? Wir fokussieren uns auf den Atem. Immer und immer wieder. Bis irgendwann die Gedanken leiser werden und wie ein Fluss an uns vorbeirauschen.

So ist es auch mit der Disziplin. Wie oft kasteien wir uns, wenn wir doch wieder zur Zigarette greifen, wenn wir doch wieder Schokolade essen oder es einfach nicht schaffen, regelmäßig Sport zu treiben? Schon oft habe ich mich gefragt, ob das wirklich so sein muss. Ob es nur die eine Chance gibt und wir uns selbst bestrafen sollten, wenn wir es wieder nicht geschafft haben. Bis mir aufgefallen ist, dass es sich mit der Disziplin wie mit dem Meditieren verhält. So wie wir bei der Meditation immer wieder zu unserem Atem zurückkommen, können wir auch mit allem verfahren, was uns wichtig ist: Wir kommen bei jeder Ablenkung, jeder Versuchung, jeder Flucht immer und immer wieder zu dem zurück, was uns wirklich am Herzen liegt. Wir haben doch wieder Süßes gegessen? Macht nichts! Dann versuchen wir es eben morgen nochmal ohne Zucker. Wir waren gestern nicht schwimmen, weil wir lieber mit den Kollegen noch ’n Bierchen trinken gegangen sind? Davon geht die Welt nicht unter! Alles halb so schlimm. Denn: Jeder Atemzug ist ein neues Leben und ein neuer Versuch.

Photocredit: Pixabay

Glück im Glas

Wie man Dankbarkeit lernen kann

„Dankbarkeit kann mich mal“, sagte neulich eine Freundin zu mir. Und ich kann sie gut verstehen. Es gibt Momente und Phasen im Leben, da braucht man nichts weniger als einen Menschen, der einem sagt: „Schau doch mal, was du alles hast. Andere würden gern mit dir tauschen!“ Solche Kommentare lassen den Berg des Elends oftmals noch größer erscheinen. Sich mit anderen zu vergleichen macht ohnehin nicht glücklich, egal, in welche Richtung man schaut. Und wenn etwas richtig schmerzt, dann schmerzt es eben. Wenn man eine geliebte Person durch Tod oder Trennung verloren hat, dann wiegt auch die Tatsache, dass der Kühlschrank voll ist, man ein neues Paar Schuhe erworben hat oder die letzte Präsentation gar nicht so schlecht gelaufen ist, das Leid nicht auf.

Und trotzdem (jetzt kommt das große ABER) ist es keine verlorene Müh‘, Dankbarkeit zu üben, auch für die kleinen Dinge im Leben. Und ich weiß, wovon ich spreche. Denn momentan läuft vieles in meinem Leben alles andere als blendend und das Elend geht weit über mein derzeit gebrochenes Bein hinaus. Und ich sage euch, es ist kein Zufall, dass ich diesen Artikel genau jetzt schreibe. Denn genau jetzt ist es wichtig, zu erkennen, was gut läuft.

Wir haben über viele, viele Jahre trainiert, uns auf das zu fokussieren, was nicht funktioniert in unserem Leben. Dabei lassen wir außer Acht, dass das Leben nie perfekt sein wird, wir nie in allen relevanten Bereichen (Gesundheit, Job, Selbstverwirklichung, Familie, Liebe…) all das haben werden, was wir glauben zu brauchen. Und nicht nur, dass wir unrealistische Erwartungen an das Glück haben – wir glauben auch, dass wir nur glücklich sein können, wenn unsere Bedürfnisse und Wünsche in genau der Form erfüllt werden, wie wir es uns ausgemalt haben. Dabei ist es oft ein großes Glück nicht zu bekommen, was man will. Wie oft zeigt sich im Nachhinein, dass sich die Dinge doch positiv gefügt haben, es manchmal eben doch gut war, nicht diese oder jene Beziehung weitergeführt, das Haus gekauft oder die lang ersehnte Reise angetreten zu haben.

Und weil Studien zeigen, dass die Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden, uns glücklicher macht, möchte ich euch einen treuen Begleiter vorstellen: Mein Glücksglas. Immer, wenn ich etwas Schönes, Besonderes, Überraschendes erlebe, schreibe ich es auf einen kleinen Zettel und stecke diesen in ein Glas. Manchmal sind es nur Zitate, Musiktipps oder Kleinigkeiten wie „Regenbogen gesehen“, die in dem Glas landen. Doch auch – oder gerade – durch das Wahrnehmen und Aufschreiben dieser „Kleinigkeiten“ lerne ich, meinen Fokus auf das zu richten, was gut läuft im Leben. Und wenn ich einen schlechten Tag habe, schaue ich mir ein paar Zettelchen nochmal an und freue mich über all die kleinen Glücksmomente. Und weil ich im Moment vor allem aufgrund meines gebrochenen Beins Zeit habe, diesen Artikel zu schreiben, kommt auch das in mein Glas: „Bein gebrochen. Mehr Zeit zum Schreiben.“  So einfach geht Glück.

 

Stop. Look. Go.

Ein Halbjahresrückblick

Oh oh. In weniger als sechs Monaten ist Weihnachten. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber an mir sind die letzten sechs Monate trotz bewusster Entschleunigung nur so vorbeigerauscht. Ist aber nicht schlimm, weil die Zeit zwar intensiv, aber dafür auch wahnsinnig spannend war. Dennoch liegt es mir am Herzen, zumindest einen kurzen Moment inne zu halten, bevor es mit Volldampf in die zweite Jahreshälfte geht.

In meinem Kalender stehen drei weise Worte: STOP – LOOK – GO. Kennen wir alle vom Straßeüberqueren. Nichts Besonderes mag man denken. Anhalten, gucken, losgehen. Kinderspiel. Dennoch machen wir genau das viel zu selten. Jeden Tag überqueren wir vielbefahrene Straßen – im übertragenen Sinn. Das Leben rauscht mal an uns vorbei und mal mit uns von einem Punkt zum anderen. Bei der Arbeit stehen wir unter Zeitdruck, den Feierabend haben wir durchgeplant und im Urlaub machen wir am besten einen Roadtrip mit täglich wechselnden Aktivitäten und Zielen. Unser Leben ist hoch getaktet. Und das liegt sowohl an uns als Individuen als auch an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

London

Anhalten liegt den meisten von uns nicht. Erst wenn ein großes Hindernis uns den Weg versperrt, wir krank oder unglücklich werden oder uns ein Schicksalsschlag umwirft, merken wir: Jetzt ist mal Pause. Weise Menschen meinen: „Scheue dich nicht davor, langsam zu gehen. Scheue dich nur davor, stehen zu bleiben!“ Ich bin da anderer Meinung. Ich halte stehenbleiben für lebensnotwendig. „Auch die Pause gehört zur Musik“, ein Zitat von Stefan Zweig, finde ich wesentlich hilfreicher.

Und genau deswegen möchte ich euch dazu ermutigen, die Mitte des Jahres zu nutzen, um stehen zu bleiben – einen kleinen Moment – und zurückzublicken auf die vergangenen sechs Monate. Und nach vorne zu schauen auf die kommenden Monate. Und dabei wieder das Hier und Jetzt, eure eigene, goldene Mitte zu finden, durchzuatmen und euch bewusst zu werden, was wirklich wichtig ist für euch – nur für euch!

Vielleicht helfen euch die folgenden Fragen. Ich selbst habe es als sehr erhellend und befreiend empfunden, mir gemütlich und in Ruhe Antworten zu überlegen und diese aufzuschreiben. Los geht’s passend zum Juli, dem Monat der Sonne und Wärme, mit Fragen zur goldenen Mitte:

  • In welchen Situationen in den letzten sechs Monaten hattest du das Gefühl, ganz in deiner Mitte angekommen zu sein?
  • Mit welchen Menschen hast du dich besonders wohl gefühlt?
  • In welcher Umgebung fühlst du dich angekommen/wohl/zuhause? In welcher Umgebung ruhst du in dir?
  • Was war in den letzten sechs Monaten das Gold/der Schatz in deinem Leben?
  • Auf was oder wen möchtest du nicht verzichten?
  • Hattest du Ziele für dieses Jahr? Wenn ja: Welche und hast du diese schon verwirklichen können?
  • Was waren die größten Herausforderungen der letzten sechs Monate?
  • Was waren deine größten Erfolge?
  • Wofür bist du besonders dankbar?

Und nun zum Ausblick:

  • Was oder wen möchtest du loslassen? Falls es dir schwerfällt: Was hält dich an der Sache oder Person?
  • Was wolltest du schon immer mal machen?
  • In welchen Bereichen möchtest du dich verändern? Hast du schon konkrete Pläne, wie du die Veränderung umsetzen kannst?
  • Mit welchen Menschen möchtest du mehr Zeit verbringen?
  • Welche Orte möchtest du besuchen?
  • Was möchtest du bis zum Ende des Jahres erreicht haben?
  • Welche Herausforderungen erwartest du und wie möchtest du mit diesen umgehen?
  • Wie könntest du dich mehr um dich kümmern, Stress entgegenwirken und freundlicher mit dir selbst sein?
  • Was ist dein größter Wunsch für 2018?

So. Ich hoffe, euch helfen diese Fragen beim Sortieren und Durchatmen. Ich wünsche einen guten Start in die zweite Jahreshälfte!

 

„Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht’s Momente still.

Das Ew’ge regt sich fort in allen:

Denn alles muß in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

 

Empört euch – aber hört auf zu jammern!

So, nu werd ich auch ma politisch. Wir sind also ein „Armes Deutschland“. Das meint mittlerweile nicht mehr nur RTLII. Auch öffentliche-rechtliche Leitmedien (oder Leidmedien?) erzählen uns, wie fürchterlich schlimm das Leben in Deutschland sein kann. Und sie haben Recht: Es gibt Altersarmut, es fehlen Kitaplätze, nicht jedes Studium ist jedem zugänglich, das Gesundheitssystem kränkelt an allen Ecken und Enden, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer usw. ABER wer dieses Land verlassen hat und sich mit offenen Augen angeschaut hat, was um uns herum auf der Welt passiert, wird erkennen: uns geht es verdammt gut!

Natürlich ist es wichtig, Missstände zu erkennen, sich zu engagieren und die Welt ein Stückchen besser zu machen. Dazu gehören auch Kritik und Wut und Unwohlsein und Empörung und ein Gefühl für Ungerechtigkeit. Aber ich halte es für genauso wichtig, auch das Gute zu sehen.

Deutschland diskutiert über Glasfaserkabel, während Millionen Menschen auf der Welt verhungern oder verdursten. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, haben Strom und Wasser und Jobs für (fast) alle. Wir dürfen und können zur Schule gehen und wenn wir clever genug sind, auch zur Uni. Wir sind krankenversichert, haben beleuchtete und befestigte Straßen und haben die Möglichkeit, Hilfe von Psychotherapeuten anzunehmen.

Ich habe in einigen Ländern gelebt und kann mit Sicherheit sagen: In keinem dieser Länder war das Leben so gut wie in Deutschland. In Südfrankreich hat mich die Arbeitslosigkeit erdrückt, in England hatten wir keine Zentralheizung, in Österreich ist Psychotherapie kostenpflichtig, in Australien werden Zahnbehandlungen nicht von den Kassen bezahlt und über Ruanda wollen wir gar nicht reden…

Wir Deutschen haben das Nörgeln gepachtet. In Bayern gibt es sogar Radiosendungen nur über das Granteln. Als Teeny hätte ich gesagt: „Da kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte!“ Es muss doch auch mal gut sein mit jammern. Ich weiß, wir haben das jahrelang so gemacht. Uns immer darauf konzentriert, was uns fehlt. Es ging um ständige Optimierung. Alles muss immer besser werden: Der Lebenslauf, der Job, die Gesundheit, der Körper, die Beziehung, die Politik, das System, das Land. Aber glaubt mir: Glücklicher werden wir alle nur, wenn wir auch mal in die Ferne schauen und sagen können: Es ist gut so, wie es ist.

Who the fuck is Sakyong?

Von zersplitterten Idealen, griechischer Mythologie und der ewigen Suche nach dem Retter

Dem buddhistischen Lehrer und Oberhaupt des westlich orientierten Shambhala-Buddhismus Sakyong Mipham Rinpoche wird sexueller Missbrauch vorgeworfen. Vor wenigen Tagen hat er sein Fehlverhalten eingestanden. Die buddhistische Gemeinschaft erwacht.

Wenn ich auf eine Idee in diesem Zusammenhang gar nicht gekommen wäre, dann ist es einen Vergleich zu ziehen zwischen tibetischer Lehre und griechischer Mythologie. Doch manchmal geht das Universum sonderbare Wege. Es folgt keine Geschichte über die Fehlbarkeiten spiritueller Lehrer. Was folgt ist eine Geschichte über das Loslassen und die Akzeptanz des eigenen Schicksals.

Vor zwei Wochen nahm unser Shambhala-Zentrum an einem Hofflohmarkt teil. Als wir da so standen und Tüddel verkauften, reichte mir eine Bekannte unserer buddhistischen Gemeinschaft einen Film, den ich ihrer Meinung nach unbedingt sehen sollte. Es handelte sich um den Robin-Williams-Film „Hinter dem Horizont“, der auf dem Mythos von Orpheus und Eurydike basiert (dazu später mehr). Ich nahm den Film mit zu meiner Mutter, die mir bei meiner Ankunft begeistert entgegenrief: „Ich schaue gerade einen ganz tollen Film. Den musst du sehen!“ Es war der gleiche Film. Einen Tag später landete ich mit einem Freund zufällig in einer Kunstausstellung. Welches Bildnis schmückte die Wände? Das von Orpheus und Eurydike. Ein paar Tage später fuhr ich zu einem Shambhala-Seminar nach Hamburg. Dort wurde ich über das Fehlverhalten unseres spirituellen Lehrers aufgeklärt. Ein sehr emotionaler Tag. Als ich nachmittags spazieren ging, entdeckte ich unweit des Meditationszentrums eine Skulptur von Orpheus und Eurydike. „Verrückt!“, dachte ich und machte mich schlau.

Ich war weiß Gott (oder weiß Buddha) keine Expertin griechischer Mythologie. „Orpheus“, dachte ich, „das war doch der mit der Leier, der sogar das wütende Meer mit seinem Gesang bezwang.“ Und Eurydike? Die wollte er. Und sie wollte ihn. Aber irgendwie funktionierte das Ganze dann nicht. Aber wie war das nochmal genau? Die Kurzform der Geschichte: Orpheus heiratete die schicke Nymphe Eurydike, die wurde aber dummerweise von einer Schlange gebissen und verstarb. Orpheus wollte sie unbedingt aus dem Hades (der Unterwelt) zurückholen und brachte die Götter der Unterwelt mit seinem famosen Gesang dazu, sie ins Leben zurückgeleiten zu dürfen. Allerdings unter einer Bedingung: Eurydike musste hinter Orpheus gehen und Orpheus durfte sich auf dem Weg nicht nach ihr umsehen. Er schaffte das auch tatsächlich einige Zeit. Bis ihn seine Zweifel kirre machten und er sich doch nach ihr umsah. Damit war Eurydike für immer verdammt und Orpheus leider auch.

Nicht selten haben griechische Mythen herhalten dürfen für moderne Interpretationen, die vor allem Philosophen und Psychoanalytiker bis heute entzücken. Bei Narziss und Ödipus waren die Deutung und Übertragung auf den modernen Menschen ein Kinderspiel. Doch mit Orpheus und Eurydike tut man sich schwer. Eine mögliche Interpretation ist die Ablösung des Mannes von seiner Mutter, die für immer von ihm getrennt sein wird. Ebenso können wir das Ganze aber auch umdrehen und davon ausgehen, dass Eurydike auf sich selbst und ihre (Unter)Welt zurückgeworfen ist, da ihr Retter, der glorreiche Sänger Orpheus, versagt hat in seiner Aufgabe, sie von ihrem Elend zu befreien. Und da spannt sich nun endlich der Bogen zu Sakyong Mipham Rinpoche und jedem anderen Wesen, das wir mit der ehrenvollen Aufgabe betrauen, uns von unserem Leid zu erlösen.

Sakyong Mipham Rinpoche hat als Retter versagt. Er hat Vertrauen missbraucht, Grenzen überschritten, sich gegen seine eigene Lehre des Mitgefühls und der Achtsamkeit gewandt und anderen Lebewesen Schaden zugefügt. Auch wenn er sich nun reumütig umschaut nach seiner Gefolgschaft, ist die Kluft schon wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorfälle für viele unüberwindbar. Für manche fühlt sich ihre Lage an wie Unterwelt, zumindest für diejenigen, die von den Vorfällen betroffen sind.

Doch was heißt das für uns? Um mit den Worten der amerikanischen Autorin und Meditationslehrerin Susan Piver zu sprechen, vor allem eins: „There is no papa.“ Es gibt keinen (Über)Vater, der uns rettet. Auch wenn andere Wesen über die Jahre mehr Wissen und Lebensklugheit angesammelt haben als wir, können auch sie uns nicht retten. Die ganze Geschichte um den Sakyong ist tragisch und muss aufgearbeitet werden. Doch sie birgt bei all dem Dreck auch einen unglaublichen Schatz: Wir können aufräumen mit falschen Hoffnungen, tief verwurzelten Sehnsüchten nach Rettung und Erlösung und mit Projektionen auf Wesen, die genauso fehlbar sind wie wir.

Um diese Wahrheit nicht nur mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen zu verstehen, müssen wir ganz tief in unsere Seele schauen und uns fragen: Warten wir immer noch auf den Traummann/die Traumfrau, weil wir uns selbst nicht glücklich machen können? Vertrauen wir einem Lehrer/einer Lehrerin, damit wir uns nicht unsere eigene Wahrheit erarbeiten müssen? Glauben wir an Gott/Allah/Buddha/…, weil wir uns ohne diesen Glauben einsam und hoffnungslos fühlen?

Wenn wir lernen, uns und unsere Gefühle wirklich zu spüren, sie nicht zu verdrängen oder in Projektionen umzuwandeln, lernen wir vielleicht auch, sie zu akzeptieren. Die Leere, die Hoffnungslosigkeit, die Sehnsucht, die Angst, die Wut, die Einsamkeit und alles andere. Dann brauchen wir vielleicht irgendwann keinen Guru, keinen Erlöser, keinen Retter mehr, sondern können das akzeptieren, was ist, anstatt uns auf das zu fokussieren, was sein müsste. Und unseren ganz eigenen Weg finden.

Und nun, zum Schluss, noch einmal zurück in die Unterwelt zu Orpheus und Eurydike. Das wichtigste Element des Mythos ist die Musik. Die Musik, die selbst die Herzen der Götter butterweich werden lässt, die Brücken baut und ohne Worte zu sprechen vermag. Was ist nun die Musik des Sakyong? Es ist die Lehre des Mitgefühls, der Achtsamkeit und der grundlegenden Gutheit des Menschen. Sakyong Mipham Rinpoche hat diese Lehre nicht erfunden – genauso wenig wie Orpheus die Musik erfunden hat. Er ist nur Vermittler, nur Medium. Die Musik kann durch jeden sprechen, der in der Lage ist, sie zu hören, zu deuten und wiederzugeben. Ob Buddhist oder nicht: Wer sich also dafür entscheidet, eben diesen Werten nicht den Rücken zu kehren, kann erblühen wie der Lotus aus dem Schlamm. Auch ohne Guru.

PS: Das wunderbare Gedichte zum Mythos um Orpheus und Eurydike von Rainer Maria Rilke findet ihr in den Links unter dem Beitrag

 

Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=RhaepLsP5eg
http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-gedichte-831/36
https://susanpiver.com/on-shambhala/
https://shambhala-koeln.de/sakyong-jamgoen-mipham-rinpoche/
www.psa-werkstattberichte.de/Originalarbeiten/ORPHEUS.rtf
http://www.zum.de/Faecher/kR/Saar/gym/projekte/rel_krit/freud/freud3.htm

Dünne Haut und weise Seele

Hochsensibilität als Herausforderung und Chance

Du fühlst dich in großen Menschenmassen unwohl? Du spürst, wenn dein Gegenüber nicht aufrichtig ist? Du bist besonders geräusch- oder geruchsempfindlich? Deine Mitmenschen nennen dich „Sensibelchen“ oder finden dich kompliziert? Du leidest, wenn andere leiden? Dann könnte es sein, dass du hochsensibel bist.

Doch was bedeutet Hochsensibilität? Zunächst ist klarzustellen: Es handelt sich dabei nicht um eine psychische Störung und erst recht nicht um eine Krankheit. Experten bezeichnen das Phänomen als besondere Art der Reizverarbeitung, als Persönlichkeitsmerkmal. Betroffene nehmen Sinnesreize stärker wahr und verarbeiten diese tiefer als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron näherte sich in den 1990er Jahren erstmals dem Thema Hochsensibilität mittels Fragebögen. 1996 veröffentlichte sie ihre Forschungsergebnisse in dem Buch „The Highly Sensitive Person“ (Abkürzung: HSP, dt.: Die hochsensible Person). Das Fachbuch wurde in 70 Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk zu diesem Thema. Aron ist davon überzeugt, dass rund 20 Prozent der Menschheit empfindsamer sind als der Rest. Rund 30 Prozent seien davon extrovertiert, der Rest in der Regel eher introvertiert.

Positives Umfeld ist wichtig

Hochsensibilität ist zwar keine psychische Erkrankung, so Elaine Aron. Das bedeute jedoch nicht, dass hochsensible Menschen immer seelisch gesund seien. Die intensive Wahrnehmung der Außenwelt könne durchaus zu psychischen Belastungen oder sogar zu Erkrankungen führen. Während hochsensiblen Menschen ein positives Umfeld ungleich besser tue als anderen, schade ihnen ein negatives, kräftezehrendes Umfeld wesentlich mehr als anderen Menschen, so die Psychologin. So sei es nicht verwunderlich, dass die Energievorräte von überdurchschnittlich sensiblen Personen schneller aufgebraucht seien und sie sich schneller müde und überreizt fühlten.

Doch Hochsensibilität hat auch Vorteile. Hochsensible Menschen sind in der Regel nicht nur wacher und empathischer, sondern analysieren sich und ihre Umwelt sehr genau. Sie sind außerdem gut darin, vernetzt zu denken, kreativ zu arbeiten und neue Lösungsstrategien und Geschäftsfelder zu entdecken. Aron zufolge falle es vor allem Männern häufig schwer, zu Ihrer Sensibilität zu stehen. Dabei seien gerade die Fähigkeiten von Hochsensiblen in unserer Gesellschaft so dringend von Nöten, vor allem in Führungsposition.

Besonders oft seien Hochsensible in Medienberufen vertreten. Hier finde man laut Aron vermehrt die so genannten High-Sensation-Seekers: Menschen, die ständig nach Sensationen und Abenteuern suchen. Zwar seien Hochsensible nicht unbedingt risikofreudiger als der Durchschnitt der Bevölkerung, doch langweilten sie sich schneller, schauten Filme nicht gern zweimal und ärgerten sich eher über oberflächliche Gespräche. So balancieren sie ständig auf einem schmalen Grad zwischen Langeweile und Reizüberflutung.

Drei Arten der Hochsensibilität

Besondere Sensibilität kann sich sehr unterschiedlich äußern. Fachleute unterscheiden zwischen drei Formen: der sensorischen, der emotionalen und der kognitiven Hochsensibilität.

Sensorisch hochsensible Menschen besitzen eine besonders feine Sinneswahrnehmung, nehmen beispielsweise Töne, Gerüche und Geschmacksrichtungen besonders intensiv wahr. Diese Eigenschaft kann jedoch auch leicht zu Reizüberflutung führen.

Emotional hochsensible Menschen reagieren besonders auf Feinheiten im zwischenmenschlichen Bereich und verfügen über große Empathie. Sie sind häufig sehr mitfühlend, hilfsbereit und können aufmerksam zuhören. Oft reagieren sie stärker auf nonverbale Kommunikation als auf verbale. Ihr feines Einfühlungsvermögen kann aber auch mit sich bringen, dass sie die Stimmungen ihrer Mitmenschen ungefiltert aufnehmen und sich von diesen überfordert fühlen.

Kognitiv hochsensible Menschen können komplexe Zusammenhänge besonders gut erkennen und sind zu multiperspektivischem Denken fähig. Sie haben ein starkes Gefühl für Werte und für „Wahr oder Falsch“. Sie neigen zu Perfektionismus und geraten oft in Schwierigkeiten, wenn ihr komplexes Denken ihren Alltag – vor allem im Berufsleben – erschwert.

Viele Hochsensible fühlen sich erleichtert, wenn sie herausfinden, dass sie selbst auf einem oder mehreren dieser Gebiete intensiver empfinden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sich seiner eigenen Persönlichkeit bewusst zu werden und die Hochsensibilität zu benennen, hilft vielen dabei, Grenzen klarer zu setzen und ein gesünderes, glücklicheres Leben zu führen. So kann Hochsensibilität als Geschenk angenommen werden.

 

Weitere Infos findet ihr hier:

http://www.hochsensibel-test.de/
http://www.psychologie-heute.de/selbsttest

http://www.sueddeutsche.de/leben/hochsensibel-leben-ohne-filter-im-kopf-1.3768484
https://www.elephantjournal.com/2015/06/traits-of-an-empath-how-to-recognise-one/
https://www.zeit.de/community/2014-08/hochsensibel-empfindsam-erfahrung

Parlow, Georg (2015): Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. 4. Auflage. Festland Verlag.

Rohleder, Luca (2017): Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch. 4. Auflage. Dielus Edition.

Zwischen Fluch und Segen

Über das Geschenk der Hochsensibilität

Hochsensibel? Nee Quatsch, ich doch nicht! Auf die Idee, besonders sensibel zu sein, war ich 32 Jahre meines Lebens nicht gekommen. Als „herzlich pöbelig“ oder „forsch freundlich“ haben mich Freunde oft bezeichnet. Und ich mochte das. Und dachte, ich hätte mich damit gut arrangiert.

Bis ich eines Tages einen besonderen Menschen traf, der mir sagte: „Du lebst nicht dein Leben. Du solltest deine Sensibilität annehmen!“ Auch wenn mein Kopf sagte: „Nee nee, die Mauer um meine Seele bleibt schön da, wo sie ist“, wusste ich tief im Herzen, dass er Recht hat. Die Begegnung beschäftigte mich wochenlang. Genauer gesagt: Sie brachte mich völlig aus dem Konzept. Nur mit Mühe konnte ich in dieser Zeit meinem neuen Job als PR-Beraterin nachgehen. Unzählige Fragen und verwirrende Gefühle bohrten sich in mein Bewusstsein. Durch die Risse in meinem Verstand drang ein ungewohntes Licht.

Schön war das nicht. Viel mehr war es beängstigend, dem „Ich“ dabei zuzuschauen, wie es langsam bröckelt. Wie das, was war, nichts mehr hält. Mein Umfeld hatte mir schon lange Anzeichen gegeben. Kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit dem ganzen Zaun. Ich war schon lange krank. Ich hatte konsequent immer und immer wieder mein Bauchgefühl ignoriert. Hatte mehrfach Jobs angekommen, die nicht richtig für mich waren, die mir Magenschmerzen verursachten. War mit einem Menschen zusammengezogen, der meiner Seele nicht gut tat, weil er meine Grenzen nicht achtete. War Beziehungen und Freundschaften eingegangen, die mich meine letzten Kräfte kosteten…

Da stand ich also – mit der Erkenntnis, dass es so nicht weiter geht. Und ich hatte keinen blassen Schimmer, auf was ich mich noch verlassen konnte. Mein Ehrgeiz brachte mich nicht weiter. Meine Leidenschaft für bestimmte Themen auch nicht. Meine Liebe zu anderen Menschen ebenso wenig. Und erst recht nicht das, was ich als „Ich“ bezeichnete.

Ich könnte jetzt sagen: Ich habe mir Hilfe gesucht. Aber das war gar nicht der Fall. Die Hilfe kam zu mir, indem ein Freund mir ein Berufscoaching empfahl. Und wie das Schicksal so wollte, war die Coachin, die ich wiederum durch Zufall fand, auch hochsensibel, ebenso wie der erwähnte Mann, der mir das Wanken in meinem Leben so deutlich machte. Eine Sache ergab die andere: Auf das Coaching folgte ein Aufenthalt in einer Klinik für chinesische Medizin, es folgten Berufsberatungen, spirituelles Coaching und zahlreiche Erfahrungen mit Körpertherapie, Hypnosetherapie, Meditation, Tanzmeditation und vielen weiteren Erfahrungen im psychologischen, gesundheitswissenschaftlichen, spirituellen, körpertherapeutischen und sportlichen Bereich.

Ich begann, mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, und zwar mit allen. Auch mit denen, die ich verdrängt hatte wie Wut und Trauer. Ich wurde sensibler, was meine eigene Körper- und Gefühlswahrnehmung anging. Bestimmte Fragen tauchten dabei immer wieder auf: Wie und wann kann und darf ich Grenzen setzen? Welches Umfeld, welche Menschen tun mir gut? Wie finde ich den Job, der mich erfüllt und mich nicht überlastet? Bin ich wirklich anders, sensibler als andere und wie gehe ich damit um? Warum ziehe ich bestimmte Menschen an?

Auf manche dieser Fragen habe ich Antworten gefunden, andere arbeiten noch in mir. Ich habe gelernt, mich von bestimmten Menschen zu distanzieren, mich wiederum anderen gegenüber zu öffnen. Ich habe gelernt, ein Umfeld, das sich nicht gut anfühlt zu verlassen oder meine Bedürfnisse klarer zu kommunizieren. Und ich habe gelernt, dass sensibel zu sein und trotzdem ein offenes Herz zu haben, in unserer Gesellschaft nicht immer einfach ist. Ebenso habe ich aber auch wahrgenommen, dass diejenigen, die gelernt haben, auf dem Instrument ihrer Gefühle zu spielen, den Klang der Welt zum Positiven verändern können.

Und manchmal bin ich auch einfach gern forsch und pöbelig. Wie Harry Potters Freund Hagrid, der grantige Halbriese, der zwar beängstigend wirkt, aber doch ein treuer, gutmütiger Begleiter ist. Und das ist es doch was zählt, oder? Dass wir eine gute Seele haben und füreinander da sind. Ob hochsensibel oder nicht.

Der Regen, die Blume und ich

Vom achtsamen Fotografieren

Es gibt viele Gründe, warum ich das Fotografieren liebe. Doch ein Grund lässt mein Herz höher schlagen und mich immer wieder, auch nach längerer Fotoabstinenz, zur Kamera greifen: Es ist die Fähigkeit der Kamera, mich ins Hier und Jetzt zu ziehen. Wenn ich fotografiere, sehe ich, fühle ich, spüre ich das, was um mich herum passiert. Natürlich denke ich auch mal an das eine oder andere – daran, ob ich das Auto auch abgeschlossen habe oder wann ich die Steuererklärung wohl endlich abgebe. Aber diese Gedanken währen nur kurz. Größer ist der Sog in die Gegenwart, die so viel spannender ist. Und dabei ist gar nicht von Bedeutung, ob ich Menschen, Gebäude oder Blumen fotografiere. Was zählt, ist alles, was da ist. Schön oder hässlich, langweilig oder spektakulär. Von achtsamer Fotografie ist dabei oft die Rede. Dabei versucht man:

  • im Hier und Jetzt zu sein
  • das Objekt in Ruhe und mit Aufmerksamkeit zu betrachten
  • alle Sinne einzubeziehen
  • die eigenen Gefühle wahrzunehmen
  • nicht zu bewerten, weder das Objekt noch das entstandene Bild
  • mit dem Ergebnis zufrieden zu sein

Wer achtsam fotografieren möchte, dem kann ich empfehlen, das Fotografieren (wie auch das Leben) zunächst einmal zu entschleunigen. Zeit ist wie so oft im Leben der Nährboden für Schönes. Daraus ergibt sich vieles andere. Wer früher analog fotografiert hat, weiß vielleicht noch, wie es war, erst eine Beziehung zu seinem Objekt aufzubauen, sich Zeit zu lassen, die Situation zu erspüren. Die achtsame Fotografie ist quasi eine Rückbesinnung auf diese Art der Wahrnehmung. Und wie kann man besser entschleunigen und erspüren als in der Natur? Also los geht’s – auf in den Wald!


„Deep in their roots all flowers keep the light.“ 
(Theodore Roethke)