Der Platz zwischen uns

Über ein ganz besonderes Schreibseminar im Herzen Frankreichs

Ein Schreibseminar sei es eigentlich gar nicht, dieses Schreibseminar. Aber was es eigentlich sei, könne sie gar nicht genau sagen. Es sei anders. Überraschend anders.

Amy Hollowell – franko-amerikanische Journalistin, Autorin und Lyrikerin – sollte ursprünglich gar nicht hier sein, hier in Dechen Chöling, einem abgelegenen Shambhala-Meditationszentrum in der Nähe von Limoges. Ein Seminar mit dem Titel „Fearless Creativitiy“ war angekündigt. Vier Tage meditieren und schreiben im Wechsel – ohne Angst, Hektik, Erwartungsdruck. Susan Piver, amerikanische Bestsellerautorin und Meditationslehrerin, sollte es anleiten. Doch Susan brach sich den Fuß und konnte nicht reisen. So bekam Amy einen Anruf, als sie gerade mit ihrem Mann den gemeinsamen Sohn in Ecuador besuchte. Ob sie kurzfristig einspringen könne. In einer Woche würde ein Seminar in Frankreich stattfinden, sie hätte doch schon zahlreiche Schreibseminare gegeben. Sie zögerte, erzählt sie, zu spontan sei das Ganze gewesen. Und dann entschied sie sich doch dafür.

Ob durch Schicksal, Glück oder Zufall zusammengeführt: Nun sitzen wir hier in einem großen Meditationssaal in einem französischen Steinhaus, das von wildwachsenden Büschen und Blumenbeeten umgeben ist. 14 Frauen und Männer aus den USA, Ecuador, Frankreich, Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt sitzen im Kreis auf dunkelblauen Meditationskissen. Die Decken des Raumes sind hoch, die Wände hell und rauh, in der Mitte des Raumes hängt ein Portrait von Sakyong Mipham Rinpoche, dem spirituellen Lehrer. Der Boden ist bedeckt mit Tüddel: Stiften, Notizbüchern, Schals, Postkarten und Büchern von englischen Literaten oder den Koryphäen des Haiku-Schreibens. Vier Tage liegen hinter uns. Vier Tage, die so voll, so intensiv, so emotional waren, wie man es sich kaum vorstellen kann. Wir lassen die Zeit nochmal Revue passieren.

Um 7 Uhr beginnt jeder Tag mit einer Morgenmeditation. Nicht nach Shambhala-Tradition. Amy ist Zen-Lehrerin. Aber das nimmt sich nicht viel. Die Gehmeditation ist langsam, sehr langsam. Dafür ist die Stille die Gleiche. Und das Selbst, von dem wir uns lösen sollen. Auf die Meditation folgen Schreibübungen. Erst kurze. Einfache. Die uns an die Hand nehmen und in die Welt des Herzens und des Schreibens führen. Alles auf Englisch. Die erste Übung: Wir sollen den Satz „For me, writing is…“ vervollständigen. Immer wieder. Dabei entstehen kleine gedichtähnliche Kunstwerke aus Worten. Nach jeder Übung lesen wir unsere Werke vor. Ein Satz bleibt hängen: „For me, writing is the place where we meet.” Ich bin berührt. Genau das ist es! Ja, da liegt’s, würde Hamlet sagen. „The place, where we meet.” Das Geschriebene lässt uns einander näherkommen, einander berühren, einander verstehen.

Welche tiefe Wahrheit in diesem Satz liegt, soll uns bald bewusstwerden. Schon nach wenigen Stunden fühlen wir uns als eine Einheit, verbunden, vertraut. Neben den sehr persönlichen Texten ist dafür vor allem eines entscheidend: Wir bewerten nicht. Weder unsere eigenen Texte noch die der anderen. Und kommentieren auch nicht. Eine Person liest vor, die anderen schweigen. Ungewohnt für mich als Journalistin. Bin ich doch gewohnt, dass Texte in der Luft zerrissen werden. Auf einmal ist da nur Stille. Dafür werden im Kopf die Fragen lauter: Was denken die anderen? War das gut genug? Oder zu persönlich? Darf man das so sagen?

Wir nehmen die Zweifel an und schreiben weiter. Eine Übung folgt auf die andere. Die Texte werden länger, komplexer. Wir schreiben Gedichte und Portraits, versuchen uns an Haikus und verfassen zwischendurch Tagebucheinträge. Draußen prasselt meist der lauwarme Frühsommerregen auf die Blätter der Pflanzen. Die Vögel zwitschern laut. Manchmal ertönt ein Gong. Die Zeit verfliegt. Die Stifte fliegen übers Papier. An eine Regel erinnert uns Amy immer wieder: Der Stift darf nie ruhen. Wir schreiben das auf, was kommt. Nicht, was wir für schön oder gut halten. Es sei als würden wir den Geist schütteln und aufschreiben, was rausfällt, sagt Amy. Alles ist wichtig. Eine Lehre des Zen.

Bei jedem Vorlesen lernen wir mehr und mehr voneinander. „Ich habe das Gefühl, völlig verletzbar zu sein“, sagt eine der Teilnehmerinnen am Abend bei einer Abschlussrunde. So geht es mir auch. Nicht nur der Duft der Räucherstäbchen, auch die Emotionen erfüllen den Raum. So ist das wohl, wenn man mit dem Herzen schreibt, denke ich mir. Bis 21 Uhr schreiben, lesen und meditieren wir. Die Tage sind lang. Gegen 22 Uhr fallen wir müde ins Bett. Diejenigen, die sich Zimmer teilen, erzählen sich noch kleine Geschichten oder lesen sich etwas vor. Es ist wie mit 16 in der Jugendherberge. Nur schöner. Erwachsener eben.

Nun sitzen wir wieder zusammen. Ein letztes Mal. Wir sind wehmütig. Nie wieder werden wir zusammen in diesem Raum sitzen und meditieren. Das Hier und Jetzt leben. Darum geht es im Zen. In diesem Moment gelingt uns das nicht ganz. Zu schwer fällt es, diesen Ort der Ruhe und die neu gewonnenen Freunde wieder verlassen zu müssen. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, denke ich mir. Das seien die vier bewegendsten Tage ihres Lebens gewesen, sagt eine Psychologin, die an dem Kurs teilnimmt. Ein paar von uns haben Tränen in den Augen. Eigentlich wollte sie gar nicht kommen, erzählt Amy. Zu stressig. Doch nun sei sie unendlich dankbar. So viel sei die letzten Tage passiert. „Das war nicht nur ein Schreibseminar“, sagt sie. Es war so viel mehr.

Auch ich bin gerührt. Und blättere noch einmal durch mein vollgeschriebenes Notizbuch. Ich habe wieder begonnen zu schreiben. Und das auf Englisch. Was hatte ich für Zweifel. Jetzt bin unbeschreiblich dankbar. Ich habe erfahren dürfen, welche Kraft in Worten steckt. Dass durch sie Menschen zu Freunden werden können. Dass man mit dem Herzen statt mit dem Kopf schreiben kann. Dass die Worte einen Platz schaffen für Vertrautheit und Verbindung. Dass genau dieser Ort mein Zuhause ist.


To study the way is to study the self
To study the self is to forget the self
To forget the self is to be enlightened by the 10,000 things.

(Dogen)

 

 

 

6 Gedanken zu „Der Platz zwischen uns

  1. ..Urlaubspläne habe ich noch nicht und wenn ich dies lese krieg ich Lust auf so ein Seminar. Zen mache ich seit einem Jahrzehnt, Schreiben auch aber nie habe ich dies kombiniert. Wo gibt es solche Seminare. Ich freue mich über einen Tipp.

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