Journal

Stop. Look. Go.

Ein Halbjahresrückblick

Oh oh. In weniger als sechs Monaten ist Weihnachten. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber an mir sind die letzten sechs Monate trotz bewusster Entschleunigung nur so vorbeigerauscht. Ist aber nicht schlimm, weil die Zeit zwar intensiv, aber dafür auch wahnsinnig spannend war. Dennoch liegt es mir am Herzen, zumindest einen kurzen Moment inne zu halten, bevor es mit Volldampf in die zweite Jahreshälfte geht.

In meinem Kalender stehen drei weise Worte: STOP – LOOK – GO. Kennen wir alle vom Straßeüberqueren. Nichts Besonderes mag man denken. Anhalten, gucken, losgehen. Kinderspiel. Dennoch machen wir genau das viel zu selten. Jeden Tag überqueren wir vielbefahrene Straßen – im übertragenen Sinn. Das Leben rauscht mal an uns vorbei und mal mit uns von einem Punkt zum anderen. Bei der Arbeit stehen wir unter Zeitdruck, den Feierabend haben wir durchgeplant und im Urlaub machen wir am besten einen Roadtrip mit täglich wechselnden Aktivitäten und Zielen. Unser Leben ist hoch getaktet. Und das liegt sowohl an uns als Individuen als auch an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

London

Anhalten liegt den meisten von uns nicht. Erst wenn ein großes Hindernis uns den Weg versperrt, wir krank oder unglücklich werden oder uns ein Schicksalsschlag umwirft, merken wir: Jetzt ist mal Pause. Weise Menschen meinen: „Scheue dich nicht davor, langsam zu gehen. Scheue dich nur davor, stehen zu bleiben!“ Ich bin da anderer Meinung. Ich halte stehenbleiben für lebensnotwendig. „Auch die Pause gehört zur Musik“, ein Zitat von Stefan Zweig, finde ich wesentlich hilfreicher.

Und genau deswegen möchte ich euch dazu ermutigen, die Mitte des Jahres zu nutzen, um stehen zu bleiben – einen kleinen Moment – und zurückzublicken auf die vergangenen sechs Monate. Und nach vorne zu schauen auf die kommenden Monate. Und dabei wieder das Hier und Jetzt, eure eigene, goldene Mitte zu finden, durchzuatmen und euch bewusst zu werden, was wirklich wichtig ist für euch – nur für euch!

Vielleicht helfen euch die folgenden Fragen. Ich selbst habe es als sehr erhellend und befreiend empfunden, mir gemütlich und in Ruhe Antworten zu überlegen und diese aufzuschreiben. Los geht’s passend zum Juli, dem Monat der Sonne und Wärme, mit Fragen zur goldenen Mitte:

  • In welchen Situationen in den letzten sechs Monaten hattest du das Gefühl, ganz in deiner Mitte angekommen zu sein?
  • Mit welchen Menschen hast du dich besonders wohl gefühlt?
  • In welcher Umgebung fühlst du dich angekommen/wohl/zuhause? In welcher Umgebung ruhst du in dir?
  • Was war in den letzten sechs Monaten das Gold/der Schatz in deinem Leben?
  • Auf was oder wen möchtest du nicht verzichten?
  • Hattest du Ziele für dieses Jahr? Wenn ja: Welche und hast du diese schon verwirklichen können?
  • Was waren die größten Herausforderungen der letzten sechs Monate?
  • Was waren deine größten Erfolge?
  • Wofür bist du besonders dankbar?

Und nun zum Ausblick:

  • Was oder wen möchtest du loslassen? Falls es dir schwerfällt: Was hält dich an der Sache oder Person?
  • Was wolltest du schon immer mal machen?
  • In welchen Bereichen möchtest du dich verändern? Hast du schon konkrete Pläne, wie du die Veränderung umsetzen kannst?
  • Mit welchen Menschen möchtest du mehr Zeit verbringen?
  • Welche Orte möchtest du besuchen?
  • Was möchtest du bis zum Ende des Jahres erreicht haben?
  • Welche Herausforderungen erwartest du und wie möchtest du mit diesen umgehen?
  • Wie könntest du dich mehr um dich kümmern, Stress entgegenwirken und freundlicher mit dir selbst sein?
  • Was ist dein größter Wunsch für 2018?

So. Ich hoffe, euch helfen diese Fragen beim Sortieren und Durchatmen. Ich wünsche einen guten Start in die zweite Jahreshälfte!

 

„Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht’s Momente still.

Das Ew’ge regt sich fort in allen:

Denn alles muß in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

 

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Empört euch – aber hört auf zu jammern!

So, nu werd ich auch ma politisch. Wir sind also ein „Armes Deutschland“. Das meint mittlerweile nicht mehr nur RTLII. Auch öffentliche-rechtliche Leitmedien (oder Leidmedien?) erzählen uns, wie fürchterlich schlimm das Leben in Deutschland sein kann. Und sie haben Recht: Es gibt Altersarmut, es fehlen Kitaplätze, nicht jedes Studium ist jedem zugänglich, das Gesundheitssystem kränkelt an allen Ecken und Enden, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer usw. ABER wer dieses Land verlassen hat und sich mit offenen Augen angeschaut hat, was um uns herum auf der Welt passiert, wird erkennen: uns geht es verdammt gut!

Natürlich ist es wichtig, Missstände zu erkennen, sich zu engagieren und die Welt ein Stückchen besser zu machen. Dazu gehören auch Kritik und Wut und Unwohlsein und Empörung und ein Gefühl für Ungerechtigkeit. Aber ich halte es für genauso wichtig, auch das Gute zu sehen.

Deutschland diskutiert über Glasfaserkabel, während Millionen Menschen auf der Welt verhungern oder verdursten. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, haben Strom und Wasser und Jobs für (fast) alle. Wir dürfen und können zur Schule gehen und wenn wir clever genug sind, auch zur Uni. Wir sind krankenversichert, haben beleuchtete und befestigte Straßen und haben die Möglichkeit, Hilfe von Psychotherapeuten anzunehmen.

Ich habe in einigen Ländern gelebt und kann mit Sicherheit sagen: In keinem dieser Länder war das Leben so gut wie in Deutschland. In Südfrankreich hat mich die Arbeitslosigkeit erdrückt, in England hatten wir keine Zentralheizung, in Österreich ist Psychotherapie kostenpflichtig, in Australien werden Zahnbehandlungen nicht von den Kassen bezahlt und über Ruanda wollen wir gar nicht reden…

Wir Deutschen haben das Nörgeln gepachtet. In Bayern gibt es sogar Radiosendungen nur über das Granteln. Als Teeny hätte ich gesagt: „Da kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte!“ Es muss doch auch mal gut sein mit jammern. Ich weiß, wir haben das jahrelang so gemacht. Uns immer darauf konzentriert, was uns fehlt. Es ging um ständige Optimierung. Alles muss immer besser werden: Der Lebenslauf, der Job, die Gesundheit, der Körper, die Beziehung, die Politik, das System, das Land. Aber glaubt mir: Glücklicher werden wir alle nur, wenn wir auch mal in die Ferne schauen und sagen können: Es ist gut so, wie es ist.

Who the fuck is Sakyong?

Von zersplitterten Idealen, griechischer Mythologie und der ewigen Suche nach dem Retter

Dem buddhistischen Lehrer und Oberhaupt des westlich orientierten Shambhala-Buddhismus Sakyong Mipham Rinpoche wird sexueller Missbrauch vorgeworfen. Vor wenigen Tagen hat er sein Fehlverhalten eingestanden. Die buddhistische Gemeinschaft erwacht.

Wenn ich auf eine Idee in diesem Zusammenhang gar nicht gekommen wäre, dann ist es einen Vergleich zu ziehen zwischen tibetischer Lehre und griechischer Mythologie. Doch manchmal geht das Universum sonderbare Wege. Es folgt keine Geschichte über die Fehlbarkeiten spiritueller Lehrer. Was folgt ist eine Geschichte über das Loslassen und die Akzeptanz des eigenen Schicksals.

Vor zwei Wochen nahm unser Shambhala-Zentrum an einem Hofflohmarkt teil. Als wir da so standen und Tüddel verkauften, reichte mir eine Bekannte unserer buddhistischen Gemeinschaft einen Film, den ich ihrer Meinung nach unbedingt sehen sollte. Es handelte sich um den Robin-Williams-Film „Hinter dem Horizont“, der auf dem Mythos von Orpheus und Eurydike basiert (dazu später mehr). Ich nahm den Film mit zu meiner Mutter, die mir bei meiner Ankunft begeistert entgegenrief: „Ich schaue gerade einen ganz tollen Film. Den musst du sehen!“ Es war der gleiche Film. Einen Tag später landete ich mit einem Freund zufällig in einer Kunstausstellung. Welches Bildnis schmückte die Wände? Das von Orpheus und Eurydike. Ein paar Tage später fuhr ich zu einem Shambhala-Seminar nach Hamburg. Dort wurde ich über das Fehlverhalten unseres spirituellen Lehrers aufgeklärt. Ein sehr emotionaler Tag. Als ich nachmittags spazieren ging, entdeckte ich unweit des Meditationszentrums eine Skulptur von Orpheus und Eurydike. „Verrückt!“, dachte ich und machte mich schlau.

Ich war weiß Gott (oder weiß Buddha) keine Expertin griechischer Mythologie. „Orpheus“, dachte ich, „das war doch der mit der Leier, der sogar das wütende Meer mit seinem Gesang bezwang.“ Und Eurydike? Die wollte er. Und sie wollte ihn. Aber irgendwie funktionierte das Ganze dann nicht. Aber wie war das nochmal genau? Die Kurzform der Geschichte: Orpheus heiratete die schicke Nymphe Eurydike, die wurde aber dummerweise von einer Schlange gebissen und verstarb. Orpheus wollte sie unbedingt aus dem Hades (der Unterwelt) zurückholen und brachte die Götter der Unterwelt mit seinem famosen Gesang dazu, sie ins Leben zurückgeleiten zu dürfen. Allerdings unter einer Bedingung: Eurydike musste hinter Orpheus gehen und Orpheus durfte sich auf dem Weg nicht nach ihr umsehen. Er schaffte das auch tatsächlich einige Zeit. Bis ihn seine Zweifel kirre machten und er sich doch nach ihr umsah. Damit war Eurydike für immer verdammt und Orpheus leider auch.

Nicht selten haben griechische Mythen herhalten dürfen für moderne Interpretationen, die vor allem Philosophen und Psychoanalytiker bis heute entzücken. Bei Narziss und Ödipus waren die Deutung und Übertragung auf den modernen Menschen ein Kinderspiel. Doch mit Orpheus und Eurydike tut man sich schwer. Eine mögliche Interpretation ist die Ablösung des Mannes von seiner Mutter, die für immer von ihm getrennt sein wird. Ebenso können wir das Ganze aber auch umdrehen und davon ausgehen, dass Eurydike auf sich selbst und ihre (Unter)Welt zurückgeworfen ist, da ihr Retter, der glorreiche Sänger Orpheus, versagt hat in seiner Aufgabe, sie von ihrem Elend zu befreien. Und da spannt sich nun endlich der Bogen zu Sakyong Mipham Rinpoche und jedem anderen Wesen, das wir mit der ehrenvollen Aufgabe betrauen, uns von unserem Leid zu erlösen.

Sakyong Mipham Rinpoche hat als Retter versagt. Er hat Vertrauen missbraucht, Grenzen überschritten, sich gegen seine eigene Lehre des Mitgefühls und der Achtsamkeit gewandt und anderen Lebewesen Schaden zugefügt. Auch wenn er sich nun reumütig umschaut nach seiner Gefolgschaft, ist die Kluft schon wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorfälle für viele unüberwindbar. Für manche fühlt sich ihre Lage an wie Unterwelt, zumindest für diejenigen, die von den Vorfällen betroffen sind.

Doch was heißt das für uns? Um mit den Worten der amerikanischen Autorin und Meditationslehrerin Susan Piver zu sprechen, vor allem eins: „There is no papa.“ Es gibt keinen (Über)Vater, der uns rettet. Auch wenn andere Wesen über die Jahre mehr Wissen und Lebensklugheit angesammelt haben als wir, können auch sie uns nicht retten. Die ganze Geschichte um den Sakyong ist tragisch und muss aufgearbeitet werden. Doch sie birgt bei all dem Dreck auch einen unglaublichen Schatz: Wir können aufräumen mit falschen Hoffnungen, tief verwurzelten Sehnsüchten nach Rettung und Erlösung und mit Projektionen auf Wesen, die genauso fehlbar sind wie wir.

Um diese Wahrheit nicht nur mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen zu verstehen, müssen wir ganz tief in unsere Seele schauen und uns fragen: Warten wir immer noch auf den Traummann/die Traumfrau, weil wir uns selbst nicht glücklich machen können? Vertrauen wir einem Lehrer/einer Lehrerin, damit wir uns nicht unsere eigene Wahrheit erarbeiten müssen? Glauben wir an Gott/Allah/Buddha/…, weil wir uns ohne diesen Glauben einsam und hoffnungslos fühlen?

Wenn wir lernen, uns und unsere Gefühle wirklich zu spüren, sie nicht zu verdrängen oder in Projektionen umzuwandeln, lernen wir vielleicht auch, sie zu akzeptieren. Die Leere, die Hoffnungslosigkeit, die Sehnsucht, die Angst, die Wut, die Einsamkeit und alles andere. Dann brauchen wir vielleicht irgendwann keinen Guru, keinen Erlöser, keinen Retter mehr, sondern können das akzeptieren, was ist, anstatt uns auf das zu fokussieren, was sein müsste. Und unseren ganz eigenen Weg finden.

Und nun, zum Schluss, noch einmal zurück in die Unterwelt zu Orpheus und Eurydike. Das wichtigste Element des Mythos ist die Musik. Die Musik, die selbst die Herzen der Götter butterweich werden lässt, die Brücken baut und ohne Worte zu sprechen vermag. Was ist nun die Musik des Sakyong? Es ist die Lehre des Mitgefühls, der Achtsamkeit und der grundlegenden Gutheit des Menschen. Sakyong Mipham Rinpoche hat diese Lehre nicht erfunden – genauso wenig wie Orpheus die Musik erfunden hat. Er ist nur Vermittler, nur Medium. Die Musik kann durch jeden sprechen, der in der Lage ist, sie zu hören, zu deuten und wiederzugeben. Ob Buddhist oder nicht: Wer sich also dafür entscheidet, eben diesen Werten nicht den Rücken zu kehren, kann erblühen wie der Lotus aus dem Schlamm. Auch ohne Guru.

PS: Das wunderbare Gedichte zum Mythos um Orpheus und Eurydike von Rainer Maria Rilke findet ihr in den Links unter dem Beitrag

Weg

Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=RhaepLsP5eg
http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-gedichte-831/36
https://susanpiver.com/on-shambhala/
https://shambhala-koeln.de/sakyong-jamgoen-mipham-rinpoche/
www.psa-werkstattberichte.de/Originalarbeiten/ORPHEUS.rtf
http://www.zum.de/Faecher/kR/Saar/gym/projekte/rel_krit/freud/freud3.htm

Dünne Haut und weise Seele

Hochsensibilität als Herausforderung und Chance

Du fühlst dich in großen Menschenmassen unwohl? Du spürst, wenn dein Gegenüber nicht aufrichtig ist? Du bist besonders geräusch- oder geruchsempfindlich? Deine Mitmenschen nennen dich „Sensibelchen“ oder finden dich kompliziert? Du leidest, wenn andere leiden? Dann könnte es sein, dass du hochsensibel bist.

Doch was bedeutet Hochsensibilität? Zunächst ist klarzustellen: Es handelt sich dabei nicht um eine psychische Störung und erst recht nicht um eine Krankheit. Experten bezeichnen das Phänomen als besondere Art der Reizverarbeitung, als Persönlichkeitsmerkmal. Betroffene nehmen Sinnesreize stärker wahr und verarbeiten diese tiefer als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron näherte sich in den 1990er Jahren erstmals dem Thema Hochsensibilität mittels Fragebögen. 1996 veröffentlichte sie ihre Forschungsergebnisse in dem Buch „The Highly Sensitive Person“ (Abkürzung: HSP, dt.: Die hochsensible Person). Das Fachbuch wurde in 70 Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk zu diesem Thema. Aron ist davon überzeugt, dass rund 20 Prozent der Menschheit empfindsamer sind als der Rest. Rund 30 Prozent seien davon extrovertiert, der Rest in der Regel eher introvertiert.

Positives Umfeld ist wichtig

Hochsensibilität ist zwar keine psychische Erkrankung, so Elaine Aron. Das bedeute jedoch nicht, dass hochsensible Menschen immer seelisch gesund seien. Die intensive Wahrnehmung der Außenwelt könne durchaus zu psychischen Belastungen oder sogar zu Erkrankungen führen. Während hochsensiblen Menschen ein positives Umfeld ungleich besser tue als anderen, schade ihnen ein negatives, kräftezehrendes Umfeld wesentlich mehr als anderen Menschen, so die Psychologin. So sei es nicht verwunderlich, dass die Energievorräte von überdurchschnittlich sensiblen Personen schneller aufgebraucht seien und sie sich schneller müde und überreizt fühlten.

Doch Hochsensibilität hat auch Vorteile. Hochsensible Menschen sind in der Regel nicht nur wacher und empathischer, sondern analysieren sich und ihre Umwelt sehr genau. Sie sind außerdem gut darin, vernetzt zu denken, kreativ zu arbeiten und neue Lösungsstrategien und Geschäftsfelder zu entdecken. Aron zufolge falle es vor allem Männern häufig schwer, zu Ihrer Sensibilität zu stehen. Dabei seien gerade die Fähigkeiten von Hochsensiblen in unserer Gesellschaft so dringend von Nöten, vor allem in Führungsposition.

Besonders oft seien Hochsensible in Medienberufen vertreten. Hier finde man laut Aron vermehrt die so genannten High-Sensation-Seekers: Menschen, die ständig nach Sensationen und Abenteuern suchen. Zwar seien Hochsensible nicht unbedingt risikofreudiger als der Durchschnitt der Bevölkerung, doch langweilten sie sich schneller, schauten Filme nicht gern zweimal und ärgerten sich eher über oberflächliche Gespräche. So balancieren sie ständig auf einem schmalen Grad zwischen Langeweile und Reizüberflutung.

Drei Arten der Hochsensibilität

Besondere Sensibilität kann sich sehr unterschiedlich äußern. Fachleute unterscheiden zwischen drei Formen: der sensorischen, der emotionalen und der kognitiven Hochsensibilität.

Sensorisch hochsensible Menschen besitzen eine besonders feine Sinneswahrnehmung, nehmen beispielsweise Töne, Gerüche und Geschmacksrichtungen besonders intensiv wahr. Diese Eigenschaft kann jedoch auch leicht zu Reizüberflutung führen.

Emotional hochsensible Menschen reagieren besonders auf Feinheiten im zwischenmenschlichen Bereich und verfügen über große Empathie. Sie sind häufig sehr mitfühlend, hilfsbereit und können aufmerksam zuhören. Oft reagieren sie stärker auf nonverbale Kommunikation als auf verbale. Ihr feines Einfühlungsvermögen kann aber auch mit sich bringen, dass sie die Stimmungen ihrer Mitmenschen ungefiltert aufnehmen und sich von diesen überfordert fühlen.

Kognitiv hochsensible Menschen können komplexe Zusammenhänge besonders gut erkennen und sind zu multiperspektivischem Denken fähig. Sie haben ein starkes Gefühl für Werte und für „Wahr oder Falsch“. Sie neigen zu Perfektionismus und geraten oft in Schwierigkeiten, wenn ihr komplexes Denken ihren Alltag – vor allem im Berufsleben – erschwert.

Viele Hochsensible fühlen sich erleichtert, wenn sie herausfinden, dass sie selbst auf einem oder mehreren dieser Gebiete intensiver empfinden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sich seiner eigenen Persönlichkeit bewusst zu werden und die Hochsensibilität zu benennen, hilft vielen dabei, Grenzen klarer zu setzen und ein gesünderes, glücklicheres Leben zu führen. So kann Hochsensibilität als Geschenk angenommen werden.

 

Weitere Infos findet ihr hier:

http://www.hochsensibel-test.de/
http://www.psychologie-heute.de/selbsttest

http://www.sueddeutsche.de/leben/hochsensibel-leben-ohne-filter-im-kopf-1.3768484
https://www.elephantjournal.com/2015/06/traits-of-an-empath-how-to-recognise-one/
https://www.zeit.de/community/2014-08/hochsensibel-empfindsam-erfahrung

Parlow, Georg (2015): Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. 4. Auflage. Festland Verlag.

Rohleder, Luca (2017): Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch. 4. Auflage. Dielus Edition.

Zwischen Fluch und Segen

Über das Geschenk der Hochsensibilität

Hochsensibel? Nee Quatsch, ich doch nicht! Auf die Idee, besonders sensibel zu sein, war ich 32 Jahre meines Lebens nicht gekommen. Als „herzlich pöbelig“ oder „forsch freundlich“ haben mich Freunde oft bezeichnet. Und ich mochte das. Und dachte, ich hätte mich damit gut arrangiert.

Bis ich eines Tages einen besonderen Menschen traf, der mir sagte: „Du lebst nicht dein Leben. Du solltest deine Sensibilität annehmen!“ Auch wenn mein Kopf sagte: „Nee nee, die Mauer um meine Seele bleibt schön da, wo sie ist“, wusste ich tief im Herzen, dass er Recht hat. Die Begegnung beschäftigte mich wochenlang. Genauer gesagt: Sie brachte mich völlig aus dem Konzept. Nur mit Mühe konnte ich in dieser Zeit meinem neuen Job als PR-Beraterin nachgehen. Unzählige Fragen und verwirrende Gefühle bohrten sich in mein Bewusstsein. Durch die Risse in meinem Verstand drang ein ungewohntes Licht.

Schön war das nicht. Viel mehr war es beängstigend, dem „Ich“ dabei zuzuschauen, wie es langsam bröckelt. Wie das, was war, nichts mehr hält. Mein Umfeld hatte mir schon lange Anzeichen gegeben. Kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit dem ganzen Zaun. Ich war schon lange krank. Ich hatte konsequent immer und immer wieder mein Bauchgefühl ignoriert. Hatte mehrfach Jobs angekommen, die nicht richtig für mich waren, die mir Magenschmerzen verursachten. War mit einem Menschen zusammengezogen, der meiner Seele nicht gut tat, weil er meine Grenzen nicht achtete. War Beziehungen und Freundschaften eingegangen, die mich meine letzten Kräfte kosteten…

Da stand ich also – mit der Erkenntnis, dass es so nicht weiter ging. Und ich hatte keinen blassen Schimmer, auf was ich mich noch verlassen konnte. Mein Ehrgeiz brachte mich nicht weiter. Meine Leidenschaft für bestimmte Themen auch nicht. Meine Liebe zu anderen Menschen ebenso wenig. Und erst recht nicht das, was ich als „Ich“ bezeichnete.

Ich könnte jetzt sagen: Ich habe mir Hilfe gesucht. Aber das war gar nicht der Fall. Die Hilfe kam zu mir, indem ein Freund mir ein Berufscoaching empfahl. Und wie das Schicksal so wollte, war die Coachin, die ich wiederum durch Zufall fand, auch hochsensibel, ebenso wie der erwähnte Mann, der mir das Wanken in meinem Leben so deutlich machte. Eine Sache ergab die andere: Auf das Coaching folgte ein Aufenthalt in einer Klinik für chinesische Medizin, es folgten Berufsberatungen, spirituelles Coaching und zahlreiche Erfahrungen mit Körpertherapie, Hypnosetherapie, Meditation, Tanzmeditation und vielen weiteren Erfahrungen im psychologischen, gesundheitswissenschaftlichen, spirituellen, körpertherapeutischen und sportlichen Bereich.

Ich begann, mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, und zwar mit allen. Auch mit denen, die ich verdrängt hatte wie Wut und Trauer. Ich wurde sensibler, was meine eigene Körper- und Gefühlswahrnehmung anging. Bestimmte Fragen tauchten dabei immer wieder auf: Wie und wann kann und darf ich Grenzen setzen? Welches Umfeld, welche Menschen tun mir gut? Wie finde ich den Job, der mich erfüllt und mich nicht überlastet? Bin ich wirklich anders, sensibler als andere und wie gehe ich damit um? Warum ziehe ich bestimmte Menschen an?

Auf manche dieser Fragen habe ich Antworten gefunden, andere arbeiten noch in mir. Ich habe gelernt, mich von bestimmten Menschen zu distanzieren, mich wiederum anderen gegenüber zu öffnen. Ich habe gelernt, ein Umfeld, das sich nicht gut anfühlt zu verlassen oder meine Bedürfnisse klarer zu kommunizieren. Und ich habe gelernt, dass sensibel zu sein und trotzdem ein offenes Herz zu haben, in unserer Gesellschaft nicht immer einfach ist. Ebenso habe ich aber auch wahrgenommen, dass diejenigen, die gelernt haben, auf dem Instrument ihrer Gefühle zu spielen, den Klang der Welt zum Positiven verändern können.

Und manchmal bin ich auch einfach gern forsch und pöbelig. Wie Harry Potters Freund Hagrid, der grantige Halbriese, der zwar beängstigend wirkt, aber doch ein treuer, gutmütiger Begleiter ist. Und das ist es doch was zählt, oder? Dass wir eine gute Seele haben und füreinander da sind. Ob hochsensibel oder nicht.

Der Regen, die Blume und ich

Vom achtsamen Fotografieren

Es gibt viele Gründe, warum ich das Fotografieren liebe. Doch ein Grund lässt mein Herz höher schlagen und mich immer wieder, auch nach längerer Fotoabstinenz, zur Kamera greifen: Es ist die Fähigkeit der Kamera, mich ins Hier und Jetzt zu ziehen. Wenn ich fotografiere, sehe ich, fühle ich, spüre ich das, was um mich herum passiert. Natürlich denke ich auch mal an das eine oder andere – daran, ob ich das Auto auch abgeschlossen habe oder wann ich die Steuererklärung wohl endlich abgebe. Aber diese Gedanken währen nur kurz. Größer ist der Sog in die Gegenwart, die so viel spannender ist. Und dabei ist gar nicht von Bedeutung, ob ich Menschen, Gebäude oder Blumen fotografiere. Was zählt, ist alles, was da ist. Schön oder hässlich, langweilig oder spektakulär. Von achtsamer Fotografie ist dabei oft die Rede. Dabei versucht man:

  • im Hier und Jetzt zu sein
  • das Objekt in Ruhe und mit Aufmerksamkeit zu betrachten
  • alle Sinne einzubeziehen
  • die eigenen Gefühle wahrzunehmen
  • nicht zu bewerten, weder das Objekt noch das entstandene Bild
  • mit dem Ergebnis zufrieden zu sein

Wer achtsam fotografieren möchte, dem kann ich empfehlen, das Fotografieren (wie auch das Leben) zunächst einmal zu entschleunigen. Zeit ist wie so oft im Leben der Nährboden für Schönes. Daraus ergibt sich vieles andere. Wer früher analog fotografiert hat, weiß vielleicht noch, wie es war, erst eine Beziehung zu seinem Objekt aufzubauen, sich Zeit zu lassen, die Situation zu erspüren. Die achtsame Fotografie ist quasi eine Rückbesinnung auf diese Art der Wahrnehmung. Und wie kann man besser entschleunigen und erspüren als in der Natur? Also los geht’s – auf in den Wald!


„Deep in their roots all flowers keep the light.“ 
(Theodore Roethke)

 

Die Vergänglichkeit im Blick

Filmtipp: „Augenblicke. Gesichter einer Reise“

Sie: eine kleine, schrullige alte Dame mit rot-weißen Haaren und bunten Blümchenblusen. Er: ein drahtiger junger Mann, immer mit Sonnenbrille und Hut unterwegs. Zwei Menschen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Die zusammen auf die Reise gehen. Und dabei unvergessliche und dennoch vergängliche Bilder schaffen.

Die schrullige alte Dame ist eine der Ikonen der Filmgeschichte. Agnès Varda – in Belgien geborene Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin – ist vor kurzem 90 Jahre alt geworden und hat nun nochmal ein grandioses Werk geschaffen, das mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde.  Zusammen mit dem in Frankreich bekannten 35-jährige Fotokünstler JR (Jean René) ist sie für die Dokumentation „Augenblicke. Gesichter einer Reise“ durch Frankreich gereist. Ihre Motivation: die Leidenschaft für Fotografie und für besondere Orte. Ihr Fortbewegungsmittel: ein Lieferwagen, der aussieht wie eine große Kamera und den JR als mobilen Sofortbildautomaten nutzt.

Die beiden machen sich auf die Reise quer durch Frankreich. Keine geradlinige Reise. Sie lassen sich treiben. So wie sie es sonst auch tun. Jeder für sich. Doch nun entdecken sie zusammen die Schönheit des Moments, Überraschendes im Alltäglichen, das Große im Kleinen. Sie fahren aufs Land, zu Bauern, Viehwirtinnen, ehemaligen Bergarbeitern, Frauen von Hafenarbeitern. Sie sprechen mit ihnen über die Herausforderungen der Landwirtschaft, über vergangene Zeiten, über Gewerkschaftskämpfe ebenso wie über Liebesgeschichten. Aus diesen Geschichten zaubern sie Kunst. JR fotografiert die Frauen, Männer und Kinder, denen sie begegnen, und druckt die Bilder in seinem mobilen Fotostudio größer als lebensgroß aus. Mit den riesigen Fotos beklebt er Häuserwände, Schiffscontainer, Baracken, Züge und noch so einiges, was sich bekleben lässt von jemandem, der schwindelfrei ist.

So lernen wir den besonderen Briefträger von Pirou-Plage kennen. Er verteilt weit mehr aus als nur Briefe. Immer wieder erledigt er Botengänge und bringt den älteren Damen auf dem Land Essen nach Hause. Für Varda hat er ein farbenfrohes Bild gemalt, das einen großen Briefträger und eine kleine Dame zeigt. Früher habe er von den Bauern Melonen und Tomaten geschenkt bekommen. Alle seien sehr großzügig gewesen. Nun hängt ein meterhohes Foto des Briefträgers an einer Hausfassade. Böse würde er auf dem Bild aussehen, findet er. Und freut sich dennoch über die besondere Ehrung.

Agnès Varda und JR spüren alte Freunde und Begleiter auf, machen neue Bekanntschaften und verbinden Menschen und Geschichten. Immer wieder blickt Varda, die mittlerweile nicht mehr gut sieht und Schwierigkeiten mit dem Laufen hat, zurück in ihre aufregende Filmvergangenheit. „JR erfüllt mir meinen größten Wunsch“, sagt sie. „Er fotografiert die Gesichter der Menschen, denen ich begegne, damit ich sie nie vergesse.“ Die Reise – ein Versuch, Begegnungen zu bewahren, während sie schon vergehen.

Ein besonderes Projekt ist ein tonnenschwerer Weltkriegsbunker, den der Sturm von den Klippen der Normandie an den Strand gekippt hat. Ein Kunstwerk für sich. Skurril. Wie ein Fremdkörper, den die Natur in sich aufgenommen hat. JR sagt, er habe schon lange nach einem geeigneten Bild für den Bunker gesucht. Nun hilft ihm Varda dabei. Zusammen gehen sie alte Fotos durch. Bis sie sich für ein Portrait entscheiden, das Vardas verstorbener Freund Guy Bourdin zeigt, einen Modefotografen, der ganz in der Nähe lebte. Perfekt passt das Bild des sitzenden Bourdin auf die zum Meer gerichtete Seite des Betonklotzes. Welch eine Ehrung eines längst verstorbenen Freundes. Varda ist gerührt. Doch das Kunstwerk überdauert die Zeit nicht. Schon am nächsten Tag hat das rauhe Meer das Bild weggespült. Als wäre es nie dagewesen. „Das Meer behält immer Recht“, sagt Varda. Ihre Stimme trägt eine tiefe Trauer und das Wissen um die Vergänglichkeit.

Immer wieder erinnert sich Varda an ihren Freund und Kollegen Jean-Luc Godard. Sie vergleicht ihren Begleiter JR häufig mit dem jungen Godard. In Anlehnung an dessen Film „Bande à part“ saust sie – selbst im Rollstuhl sitzend – mit JR durch den Pariser Louvre. Nun möchte sie JR und sich ein Geschenk machen und ihren Freund Godard besuchen. Doch dieser ist wider Erwarten nicht anzutreffen. Nur eine Nachricht hat er Varda hinterlassen. Eine Anlehnung an vergangene Zeiten. Varda wird von ihren Gefühlen überwältigt. JR nimmt sie in den Arm. „Ich wollte, dass du ihn kennenlernst. Und er dich“, sagt sie. „Aber ich kenne dich. Und das zählt.“


Warum ich den Film liebe: Weil er anrührt. Weil er bewegt. Und vor allem, weil er Menschen eine Stimme und ein Gesicht verleiht, die sonst nicht „groß rauskommen“. Ein Meisterwerk, das jede Auszeichnung verdient!