Buddhist in oranger Robe

Who the fuck is Sakyong?

Von zersplitterten Idealen, griechischer Mythologie und der ewigen Suche nach dem Retter

Dem buddhistischen Lehrer und Oberhaupt des westlich orientierten Shambhala-Buddhismus Sakyong Mipham Rinpoche wird sexueller Missbrauch vorgeworfen. Vor wenigen Tagen hat er sein Fehlverhalten eingestanden. Die buddhistische Gemeinschaft erwacht.

Wenn ich auf eine Idee in diesem Zusammenhang gar nicht gekommen wäre, dann ist es einen Vergleich zu ziehen zwischen tibetischer Lehre und griechischer Mythologie. Doch manchmal geht das Universum sonderbare Wege. Es folgt keine Geschichte über die Fehlbarkeiten spiritueller Lehrer. Was folgt ist eine Geschichte über das Loslassen und die Akzeptanz des eigenen Schicksals.

Vor zwei Wochen nahm unser Shambhala-Zentrum an einem Hofflohmarkt teil. Als wir da so standen und Tüddel verkauften, reichte mir eine Bekannte unserer buddhistischen Gemeinschaft einen Film, den ich ihrer Meinung nach unbedingt sehen sollte. Es handelte sich um den Robin-Williams-Film „Hinter dem Horizont“, der auf dem Mythos von Orpheus und Eurydike basiert (dazu später mehr). Ich nahm den Film mit zu meiner Mutter, die mir bei meiner Ankunft begeistert entgegenrief: „Ich schaue gerade einen ganz tollen Film. Den musst du sehen!“ Es war der gleiche Film. Einen Tag später landete ich mit einem Freund zufällig in einer Kunstausstellung. Welches Bildnis schmückte die Wände? Das von Orpheus und Eurydike. Ein paar Tage später fuhr ich zu einem Shambhala-Seminar nach Hamburg. Dort wurde ich über das Fehlverhalten unseres spirituellen Lehrers aufgeklärt. Ein sehr emotionaler Tag. Als ich nachmittags spazieren ging, entdeckte ich unweit des Meditationszentrums eine Skulptur von Orpheus und Eurydike. „Verrückt!“, dachte ich und machte mich schlau.

Ich war weiß Gott (oder weiß Buddha) keine Expertin griechischer Mythologie. „Orpheus“, dachte ich, „das war doch der mit der Leier, der sogar das wütende Meer mit seinem Gesang bezwang.“ Und Eurydike? Die wollte er. Und sie wollte ihn. Aber irgendwie funktionierte das Ganze dann nicht. Aber wie war das nochmal genau? Die Kurzform der Geschichte: Orpheus heiratete die schicke Nymphe Eurydike, die wurde aber dummerweise von einer Schlange gebissen und verstarb. Orpheus wollte sie unbedingt aus dem Hades (der Unterwelt) zurückholen und brachte die Götter der Unterwelt mit seinem famosen Gesang dazu, sie ins Leben zurückgeleiten zu dürfen. Allerdings unter einer Bedingung: Eurydike musste hinter Orpheus gehen und Orpheus durfte sich auf dem Weg nicht nach ihr umsehen. Er schaffte das auch tatsächlich einige Zeit. Bis ihn seine Zweifel kirre machten und er sich doch nach ihr umsah. Damit war Eurydike für immer verdammt und Orpheus leider auch.

Nicht selten haben griechische Mythen herhalten dürfen für moderne Interpretationen, die vor allem Philosophen und Psychoanalytiker bis heute entzücken. Bei Narziss und Ödipus waren die Deutung und Übertragung auf den modernen Menschen ein Kinderspiel. Doch mit Orpheus und Eurydike tut man sich schwer. Eine mögliche Interpretation ist die Ablösung des Mannes von seiner Mutter, die für immer von ihm getrennt sein wird. Ebenso können wir das Ganze aber auch umdrehen und davon ausgehen, dass Eurydike auf sich selbst und ihre (Unter)Welt zurückgeworfen ist, da ihr Retter, der glorreiche Sänger Orpheus, versagt hat in seiner Aufgabe, sie von ihrem Elend zu befreien. Und da spannt sich nun endlich der Bogen zu Sakyong Mipham Rinpoche und jedem anderen Wesen, das wir mit der ehrenvollen Aufgabe betrauen, uns von unserem Leid zu erlösen.

Sakyong Mipham Rinpoche hat als Retter versagt. Er hat Vertrauen missbraucht, Grenzen überschritten, sich gegen seine eigene Lehre des Mitgefühls und der Achtsamkeit gewandt und anderen Lebewesen Schaden zugefügt. Auch wenn er sich nun reumütig umschaut nach seiner Gefolgschaft, ist die Kluft schon wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorfälle für viele unüberwindbar. Für manche fühlt sich ihre Lage an wie Unterwelt, zumindest für diejenigen, die von den Vorfällen betroffen sind.

Doch was heißt das für uns? Um mit den Worten der amerikanischen Autorin und Meditationslehrerin Susan Piver zu sprechen, vor allem eins: „There is no papa.“ Es gibt keinen (Über)Vater, der uns rettet. Auch wenn andere Wesen über die Jahre mehr Wissen und Lebensklugheit angesammelt haben als wir, können auch sie uns nicht retten. Die ganze Geschichte um den Sakyong ist tragisch und muss aufgearbeitet werden. Doch sie birgt bei all dem Dreck auch einen unglaublichen Schatz: Wir können aufräumen mit falschen Hoffnungen, tief verwurzelten Sehnsüchten nach Rettung und Erlösung und mit Projektionen auf Wesen, die genauso fehlbar sind wie wir.

Um diese Wahrheit nicht nur mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen zu verstehen, müssen wir ganz tief in unsere Seele schauen und uns fragen: Warten wir immer noch auf den Traummann/die Traumfrau, weil wir uns selbst nicht glücklich machen können? Vertrauen wir einem Lehrer/einer Lehrerin, damit wir uns nicht unsere eigene Wahrheit erarbeiten müssen? Glauben wir an Gott/Allah/Buddha/…, weil wir uns ohne diesen Glauben einsam und hoffnungslos fühlen?

Wenn wir lernen, uns und unsere Gefühle wirklich zu spüren, sie nicht zu verdrängen oder in Projektionen umzuwandeln, lernen wir vielleicht auch, sie zu akzeptieren. Die Leere, die Hoffnungslosigkeit, die Sehnsucht, die Angst, die Wut, die Einsamkeit und alles andere. Dann brauchen wir vielleicht irgendwann keinen Guru, keinen Erlöser, keinen Retter mehr, sondern können das akzeptieren, was ist, anstatt uns auf das zu fokussieren, was sein müsste. Und unseren ganz eigenen Weg finden.

Und nun, zum Schluss, noch einmal zurück in die Unterwelt zu Orpheus und Eurydike. Das wichtigste Element des Mythos ist die Musik. Die Musik, die selbst die Herzen der Götter butterweich werden lässt, die Brücken baut und ohne Worte zu sprechen vermag. Was ist nun die Musik des Sakyong? Es ist die Lehre des Mitgefühls, der Achtsamkeit und der grundlegenden Gutheit des Menschen. Sakyong Mipham Rinpoche hat diese Lehre nicht erfunden – genauso wenig wie Orpheus die Musik erfunden hat. Er ist nur Vermittler, nur Medium. Die Musik kann durch jeden sprechen, der in der Lage ist, sie zu hören, zu deuten und wiederzugeben. Ob Buddhist oder nicht: Wer sich also dafür entscheidet, eben diesen Werten nicht den Rücken zu kehren, kann erblühen wie der Lotus aus dem Schlamm. Auch ohne Guru.

PS: Das wunderbare Gedichte zum Mythos um Orpheus und Eurydike von Rainer Maria Rilke findet ihr in den Links unter dem Beitrag

 

Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=RhaepLsP5eg
http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-gedichte-831/36
https://susanpiver.com/on-shambhala/
https://shambhala-koeln.de/sakyong-jamgoen-mipham-rinpoche/
www.psa-werkstattberichte.de/Originalarbeiten/ORPHEUS.rtf
http://www.zum.de/Faecher/kR/Saar/gym/projekte/rel_krit/freud/freud3.htm

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